zurück Fernere Bildung auf Elementarschulen weiter

Da ich im Lesen so viel Fortschritte gemacht hatte, dass ich vorbereitet für die Schule erschien und meine Eltern mich dem wilden Leben mit Straßenkindern entziehen wollten, so wurde von ihnen beschlossen, mich auf die Johannisschule, die uns am nächsten war, zu bringen. Da bekanntlich im Mittelalter die Schulen von den Kirchen abhängig waren und ein Hauptunterrichtszweig auch die lateinische Sprache war, so bestanden in allen größeren Städten noch Überbleibsel der lateinischen Schulen und es hatten sich die Gymnasien noch nicht zu ihrem jetzigen Standpunkte herausgebildet. Daher kam es, dass auch in Halberstadt noch drei solcher lateinischen Schulen waren, deren jede auch einen Singchor mit sich vereinigte. Freilich war die Domschule schon damals überragend, da sie von dem reichen Domcapitel mit Munificens ausgestattet und eine hinreichende Zahl von zum Teil höchst gelehrten Männern als Lehrern in fünf Klassen besaß, welche Zöglinge auf die Universität sandten, die sich hier mit Auszeichnung der höheren Ausbildung in den Wissenschaften widmeten. Die zweite dieser Anstalten war die Martini-Schule, die von dem Magistrat in Halberstadt abhing, aber weder solche pecuniären Mittel, noch eine so große Anzahl gediegener Lehrer besaß. Sie bildete aber auch Zöglinge für die Universität aus und hielt sich, bis zur Zeit, als Halberstadt mit dem Königreich Westfalen vereinigt wurde, und bis aus dieser lateinischen Schule zweckmäßig eine höhere Bürgerschule hervorging. Die Johannisschule, die auf die beschränkten Einkünfte der Gemeinde beschränkt war, hatte zwar nach der Idee noch fünf Klassen, aber sie war kaum imstande, junge Leute zu Dorfschullehrern heranzubilden. Die fünfte Klasse hatte der Organist, der aber nur Elementarunterricht, Lesen, Schreiben, Rechnen und die Anfangsgründe im Religionsunterricht erteilte. Die vierte Klasse hatte der Kantor, der manches was dem künftigen gebildeten Bürger oder als Vorbereitung für Dorfschullehrer nötig war, vortrug. Die dritte Klasse war schon lange eingegangen und hatte weder Schüler noch Lehrer. Die erste und zweite Klasse, welche der Rektor verwaltete, war combiniert und bestand größtenteils aus den Mitgliedern des Singechors und vollendete die höhere Ausbildung. Es wurde zwar auch lateinischer Unterricht erteilt, allein in der vierten Klasse bei dem Cantor erstreckte sich dieses höchstens auf die Deklinationen und Konjugationen, und deshalb konnte es auch in der letzten Klasse nicht bis zum Exponieren eines Autors gebracht werden. Auch diese lateinische Schule ist in der neueren Zeit zugrunde gegangen und nach neuen Grundsätzen umgestaltet worden. Ich war etwa fünf Jahre alt, als meine Eltern mich in die Johannisschule brachten, wo mein Lehrer, Organist Betthaus, meinen Unterricht übernahm.

Es kam mir zustatten, dass meine Mutter mir schon so viel beigebracht hatte, dass ich nicht mit den ersten Elementen anzufangen brauchte. Ich vervollkommnete mich hier im Lesen, lernte schreiben, die Anfangsgründe des Rechnens, lateinisch lesen und schreiben, biblische Geschichte, Verständnis der Bibel und sogar etwas Erdbeschreibung, die sich freilich nur über das Fürstentum Halberstadt erstreckte. Da ich nicht ohne gute Anlagen war und schon aus Wissbegierde es an Fleiß nicht fehlen ließ, so machte ich bald große Fortschritte, die auch von meinem Lehrer anerkannt wurden. So erinnere ich mich aus dieser Zeit einer mir dadurch gewordenen Auszeichnung, dass bei einer öffentlichen Schulprüfung, der die Geistlichen der Johannisgemeinde, die Gemeindevorsteher und viele angesehene Personen beiwohnten, ich die Gellertsche Erzählung: "Um das Rhinoceros zu sehn" öffentlich hersagen musste. Ich erntete großen Beifall und erhielt als Prämie eine große Bretzel und einige Bogen Papier. Dass meine Eltern darüber eine große Freude hatten, war natürlich, mich eiferte dieses aber zu immer größerem Fleiße an.

Als ich einige Jahre in dieser Schule gewesen war und ich in die höhere vierte Klasse versetzt werden sollte, nahmen mich meine Eltern aus dieser Schule, genau weiß ich den Grund nicht, und brachten mich in die Liebe- Frauen- Schule, der ein Lehrer namens Treuding vorstand, der als der beste Rechenmeister galt und außer seiner Schule noch Privatstunden im Rechnen gab, wofür er außer dem Schulgelde mit wöchentlich zwei ggS noch ebensoviel sich zahlen ließ. Die Schule an und für sich war höchst mangelhaft, schon dadurch, dass Knaben und Mädchen sie zusammen besuchten. Treuding, ein schon bejahrter Mann, hatte eine noch ältere unverheiratete Schwester, die mit ihm den Unterricht namentlich für die Mädchen teilte. Auch in dieser Schule beschränkte sich der Unterricht auf Bibel lesen, Auswendiglernen von biblischen Sprüchen und Liedern aus dem Gesangbuche, Schreiben und Rechnen. Aber auch das Latein wurde getrieben, beschränkte sich aber auf das Lernen lateinischer Vokabeln und zwar nach Reimen, z. B. tunica der Rock, baculus der Stock, domus das Haus, mus die Maus. Auch lateinische Sprichwörter wurden auswendig gelernt.

Im übrigen wurden etwa die lateinischen Deklinationen betrieben. Große Freude machte mir das Rechnen in den täglichen Privatstunden, welches der Lehrer mit großer Geschicklichkeit trieb und worin ich große Fortschritte machte. Ich erinnere mich, dass ich mit der Zeit die schwersten Exempel löste und sogar einmal Prügel bekam, als ich ein für Schüler unauflösbar gehaltenes Exempel ganz richtig herausbekam und der Lehrer es nicht glauben wollte, dass ich es ohne Abschreiben gelöst hätte. Das Prügelsystem herrschte damals überhaupt in den Schulen, und es ging nicht leicht ein Tag hin, an welchem nicht der Lehrer seinen Stock auf dem Rücken des einen oder anderen herumspazieren ließ.

Nachdem ich auch in dieser Schule mehrere Jahre zugebracht, wurde in meiner Mutter der schon stets gehegte Wunsch, einmal einen Dorfschulmeister aus mir bilden zu lassen, immer reger, und da mein Vater ihr hierin beistimmte, so wurde ich wieder auf die Johannis-Schule gebracht, weil ich hier im Singechor mich auch im Gesang ausbilden sollte. Ich kam nunmehr in die vierte Klasse zu dem Cantor Rielmann, der meine Stimme prüfte und mich für den Diskant bestimmte. Der Chor bestand aus achtzehn Schülern: vier im Diskant, zwei im Alt, fünf im Tenor und sieben im Bass. Meinen Eltern wurde es widerraten, mich bei einer sehr schwachen Brust im Singen anstrengen zu lassen, da es unausbleiblich Schwindsucht und Tod zur Folge haben müsste, allein es gab auch wieder Andere, welche die Ansicht hatten, dass durch das Singen die Brust erweitert und stärker gemacht werde. Diese drangen durch, und die Erfahrung ergab es bei mir, dass diese Ansicht die richtigere war. Meine Gesundheit war allerdings in diesem Jahre sehr schwach. Ich hatte oft Brustschmerzen und einen trockenen Husten, so dass ich oft zu dem damals beliebten Hausmittel: ungesalzene Roggenmehlsuppe mit Hundefett, Tee von Schafgarbe und Ähnlichem gezwungen war; jedoch wurde es mit der Zeit besser, obgleich ich auch späterhin oft Brustbeklemmung hatte und jede heftige Bewegung mich aufregte und das Atemholen erschwerte. Das Gehen war dadurch nicht erschwert, da ich späterhin mehrere Male Touren von sechs, acht und neun Meilen ohne Beschwerung gemacht habe, auch auf der Universität Fechten lernte, nur mit dem Tanzen wollte es nicht gehen, da ich bei dem Herumdrehn in Gefahr kam, wenn ich es durchsetzen wollte, umzufallen. Da ich nun ein Chorschüler geworden war, wurde mir ein blauer Tuchmantel und ein dreiecketer Hut gekauft, womit jeder Chorschüler notwendig versehen sein musste. Wöchentlich dreimal wurde vor den Häusern gesungen, und da viele Bürger Lieder singen ließen, so lernte ich nach und nach viele Melodien kennen. Durch die Musik ging mir ein neues Licht auf und meine Freude war groß, als ich nun harmonische Töne vernahm.
Statt der früher auf den Straßen gehörten Lieder und den in der Kirche so unharmonisch abgeleierten Kirchengesänge vernahm ich nun vierstimmige, wohleingeübte Musikstücke und vierstimmig vorgetragene Choräle, welche einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich machten. Dass ich dabei und auch bei der Kirchenmusik mitwirken konnte, hielt ich für ein großes Glück und ich bemühte mich auch zu Hause, mich im Gesang zu üben und meine Stimme besser auszubilden. Dass ich auch bei der Verteilung des Chorgeldes einen halben Gulden bekam, gab mir ein Selbstvertrauen, welches mich glücklich machte. Ich lernte mir von den Kirchenliedern nach und nach die Melodien, welches auch zu Haus meine Eltern erfreute, da mein Vater vielen Sinn für Musik hatte, jedoch wegen seiner stets heisern und belegten Stimme selbst nicht singen konnte.

In der Schule selbst wurde auch manches gelehrt, was ich noch nicht kannte, und sogar im Lateinischen wurden die Deklinationen und Konjugationen gelernt. Als ich in die Schule kam, wurde ich von meinen Mitschülern verhöhnt, dass ich noch so weit in dieser Sprache zurück sei, obgleich sie nicht viel mehr wussten als ich, und ich ihnen bald gleichkam. Auch mit dem Französischen wurde ein kleiner Anfang nach einem französischen Lesebuch gemacht, der sich aber kaum über (schlechtes) Lesen und die Artikel erstreckte. So stolz meine Mitschüler waren, dass sie im Latein weiter waren als ich, so mussten sie doch bald mein Übergewicht im Rechnen anerkennen. Auch in der Kenntnis der Bibel war ich weiter als die meisten von ihnen, da ich mich damit täglich beschäftigte. In dieser Schule blieb ich ein halbes Jahr, da teils der Chor, da
mehrere abgegangen waren, dem Verscheiden nahe war und eine besondere Veranlassung meine Eltern bestimmte, mich auf die Domschule zu schicken.

Eines Tages kam mein früherer Lehrer Treuding zu meinen Eltern, um eine von den Mitgliedern der Lieben-Frauen-Gemeinde ihm zu Neujahr und Ostern zustehende freiwillige Abgabe einzusammeln. Bei dieser Gelegenheit fragte er meine Eltern, weshalb sie mich denn wieder auf die Johannis-Schule gebracht hätten, da diese zu meiner ferneren Bildung nicht ausreichend sei. Meine Eltern sagten ihm, dass ich mich einmal zum Lehrer ausbilden solle und die Domschule für sie zu kostspielig sei. Darüber beruhigte sie mein wackerer Lehrer und gab ihnen zugleich zu bedenken, dass, ich möge mich zum Schulleiter vorbereiten oder einmal studieren wollen, nur die Domschule der Ort sei, wo ich beides erreichen könne, und es auch auf der Domschule nicht an Kindern armer Eltern fehle, für die die Zukunft manchmal hinreichend sorge, wenn sie nur durch Anlagen, Kenntnisse und Fleiß sich auszeichneten, welches ja bisher bei mir der Fall gewesen sei. Kurz, dieser würdige Mann wusste meine Eltern zu überreden, dass sie den Entschluss fassten, mich auf die Domschule zu bringen. Ich hatte nunmehr bald mein zwölftes Jahr erreicht und war zu meinem Fortkommen auf der Domschule wenigstens notdürftig vorbereitet, indem ich im Lesen und Schreiben auch in der Orthographie das Erforderliche leisten konnte, auch im Latein mit den Deklinationen und Konjugationen ziemlich bekannt war. Besonders fing sich damals schon ein besonderer Trieb in mir an der Geschichte vorzüglichen Geschmack abzugewinnen.
Ich hatte das Alte und Neue Testament so oft gelesen, dass ich das Geschichtliche ganz in mich aufgenommen hatte. Selbst gelehrte Männer konnten, insoweit es auf das Wissen ankam, den historischen Teil nicht besser kennen, obgleich das Verständnis des in meinem Gedächtnis Aufgenommenen allerdings noch mangelhaft war. Indes, wer eine Unterhaltung aus der Bibel mit mir anfing, staunte darüber und betrachtete mich als ein Wunderkind. Mein Vater, der mehrere Jahre im Sommer nach Sülldorf zu seiner Schwester reiste, nahm mich einige Male mit dahin, da ich rüstig genug war, die drei Meilen dahin mit ihm zu Fuße zu machen. Das eine Mal, als ich mit meinem Vater dort war, besuchte uns der Prediger des Ortes, da er von mir und meiner Bibelkenntnis gehört hatte. Es machte ihm Vergnügen, sich mit mir zu unterhalten und mich zu prüfen. Die Prüfung währte lange und er machte eine Menge Kreuz- und Querfragen an mich, die ich alle mit großer Sicherheit beantwortete und die seine Bewunderung erregten. Von Sülldorf machte mein Vater auch ein paar Mal einen Abstecher mit mir nach Schönebeck zu seinem Bruder, wo er mit mir die dortige Saline besuchte und die damals neu errichtete Dampfmaschine, deren Struktur mir gezeigt wurde. Der Zeitpunkt, wo ich auf die Domschule kommen sollte, rückte immer näher. Meine Mutter hatte vor ihrer Verheiratung bei den Eltern der Ehegattin des Rektor Fischer an der Domschule mehrere Jahre gedient und sich Liebe und Vertrauen bei ihrer Herrschaft, dem Rektor Heyer an der Martini-Schule, erworben, so dass auch die Frau Rektor Fischer ihr noch sehr zugetan war. Hierauf gestützt glaubte meine Mutter, mir vielleicht Befreiung vom Schulgeld und vielleicht noch andere Unterstützung zu verschaffen. Das Schulgeld war übrigens nach den jetzigen Verhältnissen gering, denn es betrug für die fünfte Klasse vierteljährlich einen halben Thaler, in der vierten einen Gulden, in der dritten einen Thaler, in der zweiten eineinhalb Thaler und in der ersten zwei Thaler. Aber auch das in der fünften Klasse zu zahlende geringe Schulgeld war meinen Eltern ein Opfer, jedoch blieb ihr gefasster Entschluss fest und musste gewagt werden.

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