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Mein Vater war aus Sittorf, einem Dorfe nahe bei Magdeburg, gebürtig, wo sein Vater in dem noch in meinem Besitz befindlichen Geburtsschein als der Zimmermann und Einwohner Hans Heinrich Holt bezeichnet ist. Mein Vater wurde am 5. Februar 1734 geboren, seine Mutter hieß Margarete, geborene Geist; auch mein Vater hat früher den Namen Holt geführt, wie ich noch aus einem Aushängeschild, worauf ein goldener Stiefel mit der Unterschrift: Schuhmachermeister Johann Christian Holt, lebhaft erinnere. Weshalb mein Vater den Namen Holt mit Holtze vertauscht hat, weiß ich nicht. Mein Vater hatte sich in Halberstadt als Schuhmachermeister etabliert und ist zweimal verheiratet gewesen. Aus der ersten Ehe hatte derselbe eine Tochter Christiane, die sehr leichtsinnig gewesen sein soll und die einen Gesellen meines Vaters namens Geimike geheiratet und ihm eine drei Jahre jüngere Tochter als ich und noch ein Zwillingstöchterpaar geboren hat. Von diesen drei Kindern sind bereits im Jahre 1810 zwei verstorben, das dritte, welches schon ein höheres Alter erreicht hatte, lebte damals noch als Dienstmagd, hatte aber einen guten Ruf. Meine Schwester starb, als ich noch auf der Schule war, ihr Witwer heiratete wieder, ergab sich aber dem Trunke und ist auch wahrscheinlich schon lange tot. Diese meine Halbschwester war der Grund des ehelichen Unfriedens meiner Eltern, da meine Mutter unzufrieden war, wenn mein Vater bei unserer dürftigen Lage der Tochter aus erster Ehe so manches überließ, was wir selbst nicht entbehren konnten. Dabei war aber meine Mutter nicht etwa missgünstig, denn sie nahm die älteste Tochter meiner Schwester nach dem Tode der Letzteren in unser Haus und erzog sie mit mir.

Mein Vater war übrigens ein durchaus rechtschaffener und fleißiger Mann, dabei aber stets mürrisch und besonders gegen meine arme Mutter sehr zanksüchtig. Dazu trug auch wohl ein körperliches Brustleiden bei, da er stets mit ganz heiserer Stimme sprach. Er starb im Jahre 1800. Auch ich musste sehr häufig durch sein mürrisches Wesen leiden und hatte, obgleich ich gestehen muss, dass er mich liebte, oft trübe Stunden. Meine Mutter Marie Elisabeth, geborene Taute, war die Tochter eines armen Dorfschulmeisters aus dem Dorfe Nienhagen bei Halberstadt.
Obgleich mein Vater sehr fleißig und meine Mutter höchst sparsam und wirtlich war, auch beide Eltern in keiner Beziehung verschwendeten, vielmehr ganz häuslich und einfach lebten, so kamen sie doch nicht vorwärts und bei ihrem eintretenden höheren Alter fielen sie in gänzliche Verarmung. Dazu mag ein Prozess beigetragen haben, den sie längere Zeit zu führen hatten und der wohl auch zu meines Vaters mürrischem Wesen das seinige beitrug. Das Nähere darüber ist mir nicht bekannt geworden, jedoch erinnere ich mich, dass sie diesen Prozess mit einer kinderlosen Witwe Fritsche führte. Diese besaß ein Haus auf dem Grauen Hofe in Halberstadt, und es mochte für meine Eltern wohl Hoffnung vorhanden gewesen sein, dieselbe, welche außer ihrem Wohnhause noch Mobiliarvermögen besaß, dereinst zu beerben. Sie pflegten diese alte Frau mit Mittagessen und suchten, sie sich geneigt zu machen, zogen auch aus der oberen Stadt auf den Grauen Hof in das Haus der Witwe, wo sie nach meinen Erinnerungen mehrere Jahre, ob gegen oder ohne Mietentschädigung, wohnten. Es trat aber ein Zerwürfnis dieses Verhältnisses ein, durch wessen Schuld weiß ich nicht, und ich erinnere mich noch dunkel, dass meine Eltern vielen Ärger bei dem Prozesse hatten und man von Ihnen Kosten mit Strenge einzog.

Meine Eltern zogen nun zur Miete in ein anderes Haus auf dem Grauen Hofe, wo sie bis an ihren Tod gewohnt haben. Mein Vater führte sein Handwerk mit zwei, später mit einem Gesellen und zuletzt mit einem Lehrburschen fort. Meine Mutter bezog die Jahrmärkte mit ihrem Waren, allein ihr Fleiß blieb unbelohnt, und als mein Vater fast nicht mehr arbeiten konnte, kamen meine Eltern immer mehr in Not und Verfall, so dass sie sogar ihre Sonntagskleider versetzen und endlich gar verkaufen mussten. Meine Mutter war unermüdlich fleißig, sie holte für den Winter trockenes Holz aus dem Hey, spann Tag und Nacht und verkaufte das Garn stückweise, um dadurch die allernotwendigsten Lebensbedürfnisse herbeizuschaffen. Einmal wollte sie einen Handel mit Butter und Käse anfangen, allein es gelang nicht, sie musste es aufgeben und nahm nun wieder zum Spinnen ihre Zuflucht. In Ihren letzten Lebensjahren mussten meine Eltern aus der Armenkasse Unterstützung nachsuchen, da ich damals auf der Universität war und es mir selbst an Mitteln fehlte, sie zu unterstützen.

Aus dieser Ehe bin ich zu Halberstadt am 7. Mai 1779 an einem Freitagabend geboren. Meine Mutter hat außer mir nur noch einen toten Knaben geboren, was für mich wohl ein Glück war, indem meine Eltern das Wenige, worüber sie verfügen konnten, auf mich und meine Erziehung verwandten.