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Es war zu Ostern 1791, als ich von meinen Eltern auf die Domschule und den damit verbundenen Singechor gebracht wurde. Diese Schule war damals durch den Doktor Struensee, einem Bruder des unglücklichen dänischen Ministers, auf einen hohen Standpunkt gebracht und sein Nachfolger, der damalige Rektor Fischer, wusste im Geiste seines Vorfahrs ebenso kräftig und segensreich fortzuwirken. Er war damals wohl einer der elegantesten Gelehrten seiner Zeit, denn mit ausgezeichneten Kenntnissen in den älteren und mehreren neueren Sprachen verband er wissenschaftliche Bildung, die damals wohl selten war. Dabei war er ein Mann von sanftem Charakter und doch streng, wo es seine Pflicht erforderte. Halberstadt nahm damals unter den Städten Deutschlands durch seine Bestrebungen für Wissenschaft und namentlich für Poesie einen ehrenvollen Platz ein. Der ehrwürdige Gleim, selbst als Dichter namentlich der Kriegslieder, regte in und außer Halberstadt alle poetischen Talente auf und wo ihm dergleichen begegneten, verfehlte er nicht, solche mit Rat, Ermutigung und seinem damals wertvollen Kunsturteil zu erheben.

Neben ihm waren in Halberstadt Lichtwehr, Eichholz, Clama Schmidt u. andere, selbst unter den Offizieren des in Halberstadt stationierten Infanterie-Regiments Herzog von Braunschweig. Ihn besuchten von Zeit zu Zeit Dichter aus allen Gegenden, so weiß ich, dass Voss und Jean Paul, auch andere bekannte Dichter nach Halberstadt kamen, um ihn zu besuchen und mitunter längere Zeit mit ihm ihre Ideen auszutauschen. Fischer nahm einen ehrenvollen Platz unter den Gelehrten Halberstadt`s ein. Ein ebenfalls ausgezeichneter Mann war der Prorektor Nachtigall am Domgymnasium, der besonders als Hebräer schätzbare Übersetzungen einzelner poetischer Teile des alten Testaments mit Glück übersetzt hat. Auch der Oberdomprediger, Konsistorialrat Streithorst gehörte in diesen gelehrten Kreis. Die drei letztgedachten Männer waren zugleich Mitarbeiter an den damals in Berlin erscheinenden, von Nicolai redigierten Berliner Jahrbüchern. Auch mehrere Offiziere des Regiments zeichneten sich durch gediegene Kenntnisse aus und haben späterhin sich berühmt gemacht, z. B. Hirsefeld, Grawert, Knesebeck.

Es wurde ja das 18. Jahrhundert das Jahrhundert der Aufklärung genannt, und es war eine Ehre, durch wissenschaftliches Streben sich auszuzeichnen. Die Lehrer der Domschule mussten also schon, um nicht zurückzubleiben, vorwärts schreiten und durch ihr Vorbild ihre Schüler anzuregen suchen. Nachdem ich durch den Rektor Fischer geprüft war, wurde ich der fünften Klasse überwiesen, welcher der damalige Cantor Wehr vorstand. Es war dieser Mann zwar keineswegs zu den Gelehrten zu zählen, allein er leistete doch für seine Klasse, was man von ihm nur verlangen konnte. Als ich in diese Klasse kam, hatte ich zwar manche Kenntnisse, worin ich andern gleichkam, allein die Hauptsache, das Lateinische, war mir noch eine große Schwierigkeit, die ich nur mit großem Fleiß überwinden konnte. Es wurde in dieser Klasse bereits aus dem Lateinischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzt, und bei dem Übersetzen aus dem Lateinischen musste jedes vorkommende Wort genau analysiert werden. Da mir nun Insonderheit alle Regeln und deren Ausnahmen noch unbekannt waren, so nahm ich die zugrundeliegende Schellersche Grammatik vor, studierte sie sorgfältig, lernte die Regeln und deren Ausnahmen gründlich und machte mich mit der Grammatik, soweit ich sie zu meinem jetzigen Bedarf nötig hatte, so vertraut, dass ich in einiger Zeit meine Mitschüler zum großen Teil überflügelte, und der Lehrer mir, wenn ich eine Arbeit geliefert hatte, geradezu Schuld gab, dass ich sie nicht selbst gemacht hätte.

Es kam auch der Fall vor, dass ich, wenn ich es nicht gestehen wollte, mich fremder Hilfe bedient zu haben, Prügel erhielt. Ich wurde auch, wenn eine Arbeit pro loco und pro classe geliefert wurde, nicht darnach versetzt, da man einen Sohn eines armen Schusters nicht über Kinder vornehmer Leute setzen wollte. So quälte ich mich mühevoll im ersten halben Jahre durch, und erst nach Ablauf desselben kam mein Lehrer zu der Überzeugung, dass er mir mit seinen Ansichten Unrecht getan habe, und ich wurde bald sein Liebling, ja als das zweite Semester zu Ende ging und es zur Versetzung in die vierte Klasse kam, gestand mein Lehrer, dass ich nicht allein zur Versetzung vollkommen reif sein, sondern sogar schon in Ansehung meiner Leistungen für eine höhere Klasse reif sei. Im Singechor hatte mich der Cantor Wehn zum Alt gebracht, weil meine Stimme sich dazu besser eignete.

Auch im Singechor gab ich mir alle Mühe, vorwärts zu kommen und treffen zu lernen, wo ich auch durch Aufmerksamkeit und Fleiß gute Fortschritte machte. Ostern 1792 wurde ich in die vierte Klasse versetzt, wo der bejahrte Subconrector Stange Klassenlehrer war. Dieser wurde in den ersten Tagen des Anfanges der Schule krank und erstand von seinem Krankenlager nicht wieder. Die Unterrichts- stunden wurden nunmehr unter die geschicktesten Primaner verteilt, welche dieselben, da die Stelle nicht sogleich wieder besetzt wurde, das ganze halbe Jahr behielten. In dieser Klasse fortzukommen wurde mir bei meinen Vorkenntnissen leicht. Bei dem ersten pro loco wurde ich bereits der Vierte in der Klasse, und nach dem halben Jahr wurde ich als Erster in die dritte Klasse versetzt.

Diese Klasse wurde durch vier Collaboratoren verwaltet, von welchem Vieweg die Hauptstunden, das Lateinische, hatte und überhaupt als erster Klassenlehrer erachtet wurde. Es war dieses ein sehr parteiischer Mann, der die Söhne vornehmer Eltern vorzog und gewöhnlich "mein Kind" nannte, dagegen mich und andere geringer Abkunft stets grob und unfreundlich behandelte. Durch meine bisherigen Leistungen und eine Bevorzugung meiner Lehrer war in mir ein Ansatz von Eitelkeit und Dünkel erstanden, der aber durch die Behandlung von Vieweg bald gedämpft wurde. Meine besten Arbeiten würdigte er keiner Anerkennung, vielmehr musste ich seinen Tadel täglich erfahren. Der zweite Lehrer Berlet, ein Sachse, der den sächsischen Dialekt sprach und das "R" nicht sprechen konnte, hatte den mathematischen Unterricht, der aber höchst trocken und langweilig war und worin ich überhaupt sehr zurückblieb. Der dritte Lehrer Sponholz aus Pommern hatte den hebräischen Unterricht in der dritten und zweiten Klasse. Er wurde von den Schülern sehr gehänselt, und wenn sie keine Lust hatten zu den Tageslektionen, so veranlassten sie ihn, von seinen gemachten Reisen oder von einer erst gehaltenen Predigt zu erzählen, wo die Schüler ihn mit Lob überhäuften, welches er, auch wenn der Spott zutage lag, stets für bare Münze nahm.

Eine andere Art und Weise, die Schullektion zu hintertreiben, bestand darin, dass der Erste der Klasse vorschlug, das Strafbuch zu verlesen. Es wurden nämlich für jedes Vergehen in der Klasse Geldstrafen diktiert, die nach der Größe des Vergehens in Dreiern, Sechsern auch wohl Groschen, bestanden. Hierüber musste der Erste der Klasse das Strafbuch führen, welches von Zeit zu Zeit verlesen wurde, um die Strafen einzufordern. Es wurde dann ein Stock herbeigeholt und diejenigen, die nicht zahlen konnten oder wollten, wurden zur Buße mit einer Anzahl Prügel bestraft. Durch die hierbei vorkommenden Remonstrationen mancherlei Art ging die Stunde gewöhnlich hin. Die Strafgelder wurden zwar bestimmungsgemäß zu Schulzwecken verwandt, allein der größte Teil wurde von dem Primus vernascht. Eine Kuchenfrau, welche morgens auf dem Schulhofe Kuchen feilbot, wurde in Nahrung gesetzt. Sponholz war überhaupt von gemeiner Natur, sein gewöhnliches Wort, wenn er unzufrieden war, war: Hundejunge. Der vierte von den Collaboratoren, Junghann, ein pedantischer, aber gutmütiger Mann, hatte außer einigen lateinischen Lektionen besonders den Unterricht in Geographie und Geschichte, wodurch mir ein neues ergiebiges Feld zu wissenschaftlichen Strebungen eröffnet wurde.

Die ferneren Schicksale dieser vier Collaboratoren will ich noch kürzlich erwähnen:
Vieweg bewarb sich um eine Predigerstelle, als er sie aber antreten wollte, kam er in eine Disciplinaruntersuchung, in deren Folge er die ihm schon zugesicherte Stelle nicht erhielt. Berlet wurde anstelle des verstorbenen Stange Subconrector und Lehrer der vierten Klasse. Sponholz, der durch sein gemeines Wesen dem Rektor Fischer viel Kummer gemacht hatte, erhielt späterhin in Pommern eine Stelle, ob als Prediger oder Schullehrer, weiß ich nicht. Junghann erhielt späterhin die Stelle als Direktor des Schullehrerseminars in Halle.

Der wenngleich mangelhafte doch bessere Geschichtsunterricht vermehrte in mir den bereits durch die Bibel bei mir angeregten Trieb für das Studium der Geschichte. Ein zufällig in meinem Besitz gekommenes altes Buch: Hübners genealogische Tabellen vom Jahre 1707 oder 1709, ein ganz elendes Machwerk, welches die Geschichte in Fragen und Antworten darstellte, fesselte mich, und da ich mir nach und nach auch die übrigen Teile verschaffte, welche zum Teil von 1698 bis 1716 sich erstreckten, so verschlang ich dieselben förmlich und verschaffte mir dadurch ein Material für geschichtliche Tatsachen, welches mir später bei dem Studium besserer Geschichtswerke von großem Nutzen war.

Junghann lehrte uns im Jahre 1792 die Geographie von Amerika und machte uns darauf aufmerksam, dass gerade vor dreihundert Jahren dieser Erdteil von Kolumbus entdeckt wurde. In dieser Zeit nahm ich auch an dem Unterricht an der griechischen und hebräischen Sprache teil und machte auch hierin Fortschritte. In der dritten Klasse brachte ich 1 1/2 Jahr zu und kam zu Ostern 1794 in die zweite Klasse.

Währenddem hatte ich auch im Singen Fortschritte gemacht und fand nun Gelegenheit, mir einiges zu erwerben, wodurch ich meinen armen Eltern zu Hilfe kommen konnte. Außer dem Chorgelde, welches vierteljährlich etwa einen Gulden oder einen Thaler, zu Neujahr aber noch mehr betrug, wurde ich Hallelujasänger. Es wurde nämlich in der Domkirche alle Nachmittage um zwei Uhr sogenannte Hora gesungen, wozu vier Männer angestellt waren, die Choräle genannt wurden. Des sonntags früh um sechs Uhr wurde diesen Chorälen zwei Schüler, einer für den Diskant und einer für den Alt beigeordnet, welche mit dem ersten der Choräle, dem Sangmeister, dreistimmig alte Kirchenmusiken singen mussten. Nicht allein, dass ich mich dadurch im Singen befestigte, hatte ich auch nicht zu verachtende Vorteile, denn ich erhielt jährlich über vier Thaler Gold und monatlich fünfzehn Brote, alle Vierteljahr aber fünfzehn dergleichen von Weizenmehl. Dazu kam, dass jährlich am 22. Mai eine Feier zum Gedächtnis des verstorbenen Domherrn von Spiegel, dem Gründer der Spiegelschen Berge bei Halberstadt gehalten wurde, die mit einer Hora in der Domkirche eröffnet wurde, wobei die Hallelujasänger mitwirken mussten und wobei immer ein ansehnliches Geschenk verteilt wurde. Außerdem erhielt ich das sogenannte Convictorium, eine Speiseanstalt, worin vierundzwanzig Chorschüler Mittags- und Abendtisch erhielten. Auch Extra-Einnahmen kamen mitunter vor. So erinnere ich mich, dass der regierende Graf zu Wernigerode, welcher als damaliger Domdechant stets einen Teil des Jahres in Halberstadt wohnte, einmal in seiner Wohnung mit Zuziehung einiger musikalischer Damen aus den höheren Ständen den Tod Jesu von Graun aufführte, wobei der Graf selbst die Tenorpartie sang. Ich wurde für die Altstimme mit zugezogen und erhielt ein sehr anständiges Geschenk.

Zu meiner ferneren Ausbildung im Gesange diente es auch, dass der damalige Chorpräfekt Franz alle sonntagabends mehrere seiner Schüler, auch mich, zu sich bat und schöne Gesangstücke aus Opern vortragen ließ. Ein paar Mal kam es auch vor, dass der gesamte Chor zu einer Kirchenfeierlichkeit auf einem benachbarten Dorfe eingeladen wurde. Man holte uns mit Wagen
ab, quartierte uns bei den wohlhabendsten Bauern ein und feierte ein sehr vergnügtes Fest. Bei dieser Gelegenheit wurde einmal im Heudeber noch den Sonntagabend bei dem Prediger zum Klaviere die ganze Oper des Dr. und Apotheker aufgeführt.

Im Winter arrangierte der Dommusikus Barnbeck gewöhnlich einige Konzerte, wobei damals gangbare, jetzt aber veraltete Opern aufgeführt wurden, bei denen ich Hülfe leistete und manchen halben Gulden verdiente. Die Kirchenmusiken wurden abwechselnd den einen Sonntag im Dom und den andern in der Liebfrauen-Kirche aufgeführt. Alle Jahre am Charfreitag aber wurde in der Regel der Tod Jesu von Graun gegeben. Das Chorsingen war wöchentlich viermal und zwar Sonntag, Montag, Mittwoch und Sonnabend. Mein Vater, der viel Sinn für die Musik hatte, versäumte nie, die Kirchenmusiken zu besuchen und auch sonntags, wo vor den Häusern am Domplatz gesungen wurde, sich auf dem Domplatz einzufinden.

Ein Uebelstand war es für meine musikalische Ausbildung, dass ich kein Klavier hatte und deshalb keinen Unterricht nehmen konnte. Späterhin kaufte ich mir ein altes, schlechtes Klavier und nahm Unterricht bei dem Organisten Müller an der Moritzkirche und als dieser fortkam, bei dem damaligen Chorpräfekt Hoppe. Der Preis einer solchen Stunde war damals l ggr. Trotz meiner Bemühung konnte ich es aber zu keiner großen Fertigkeit im Klavierspiel bringen. Bei dem jährlichen Neujahrsingen wurden auch die Klöster in Halberstadt besucht, und es war für uns immer sehr ergötzlich, im Franziskanerkloster mit den zum großen Teil höchst gebildeten Mönchen dieses Klosters uns zu unterhalten. Wir erhielten hier zwar kein Geld, da sie ihrem Orden gemäß solches als Bettelmönche nicht führten. Sie setzten uns jedoch von ihrem Klosterbiere reichlich vor und gaben dazu Brot mit Salz und Kümmel. Dann schickten sie in der Regel nach einem Eimer Bier, den wir sodann unter uns tranken. Die Unterhaltung mit den Mönchen wurde in deutscher, auch lateinischer Sprache geführt und erstreckte sich auf geschichtliche, philosophische und sogar theologische Gegenstände, wobei die Mönche höchst diskret waren.

Die Klöster waren überhaupt in Halberstadt bei allen Religionsparteien sehr beliebt, da sie gemütlich und nichts weniger als bigott waren. Sie waren gegen Arme sehr mildtätig und steuerten nach Kräften jeder Not. Wenn in und um Halberstadt Feuer war, so konnte man darauf rechnen, dass die Franziskanermönche mit die Ersten waren, die Hülfe zu bringen versuchten. Da die gemeinen Leute der Meinung waren, dass die Mönche das Feuer besprechen könnten, so war ihr Erscheinen immer eine Beruhigung für die Unglücklichen. Wenn die Bettelmönche auf dem Lande terminierten, so hatten sie alle Mädchen und Kinder auf ihrer Seite, denen sie Bilder verehrten, um sie in Bibel und Gesangbuch zu legen, und erhielten Brot, Fleisch, Früchte und andere Gegenstände.

Man war in Halberstadt nichts weniger als erfreut, als die Klöster aufgehoben wurden. Bei der Aufhebung wurde den Mönchen und Nonnen Pensionen ausgesetzt, die für die ersteren dreihundert und für die letzteren 150 Thaler betrugen. Die jungen Mönche benutzten diese Pension in der Regel, um noch einmal auf der Universität sich zu einem Berufe auszubilden, die Nonnen setzten in der Regel ihr Klosterleben fort, indem sie sich geräumige Wohnungen mieteten , worin sie gemeinschaftlich ihr frommes Stillleben fortsetzten. In der Zeit des Königreichs Westfalen wurden die Pensionen auf die Hälfte reduziert, wodurch sie in große Not gerieten und eine um so größere Freude hatten, als bei der Besitznahme Preussens die früheren Pensionen wiederhergestellt wurden. Als ich in die zweite Klasse zu Ostern 1794 versetzt wurde, war der Prorektor Nachtigall Klassenlehrer, der in den lateinischen Lektionen mit uns Livius, Virgil, in den griechischen aber Homers Odysee und Xenophons Memorabilien las, außerdem aber auch Physik und andere Wissenschaften vortrug. Bei dem Lesen des Homers sah er besonders darauf, dass wir die Verse gut und ohne Stocken lasen und setzte uns den Geist des Gedichtes auseinander, so dass er unseren Verstand und Geschmack zu erheben suchte.

Ebenso war es mit dem Unterricht im Lateinischen, besonders mit dem Exponieren von Virgils Aeneide. Gleichzeitig wurde von anderen Lehrern dieser Klasse auch die Literaturgeschichte gelehrt. Sehr schätzbar war der Unterricht, welchen uns in dieser Klasse der Rektor Fischer in der Geographie erteilte. Es war nicht wie damals ueblich eine trockene Aufzählung der Grenzen, Flüsse und der einzelnen Provinzen mit ihren Städten und deren Bevölkerung, vielmehr war es eine philosophische Darstellung der Länder, ihrer Beschaffenheit und daraus zu entnehmender Zukunft. So machte er uns bei den nordamerikanischen Freistaaten, welche ihre Unabhängigkeit von England erst vor etwa zwölf Jahren (seit dem Frieden von 1783 ) erkämpft hatten und damals nur aus elf Provinzen bestanden, auf die Vorteile dieser Staaten, welche jetzt erst etwas über drei Millionen Einwohner zählten, aufmerksam und darauf, dass dieses Land durch seine Größe und Fruchtbarkeit, durch seine Lage am Atlantischen Ozean, durch seine Religionsduldung und freie Verfassung einer ungeheuren Zukunft entgegengehen würde und in nicht langer Zeit eine Bevölkerung von vielleicht 20 Millionen fassen könnte. Für ein durch seine Lage zwischen zwei großen Weltmeeren und seine Fruchtbarkeit an allen Erzeugnissen ausgezeichnetes Land galt ihm Mexiko, welches mit der Zeit einmal ein mächtiger Staat werden könne.

Russlands drohende Größe werde, meinte er, bald zersplittert werden können, wenn es gegen den Westen Europas, nicht, wie sein Schwerpunkt andeute, gegen Osten vorschreite. Er rechnete zu den Keimen seines dereinstigen Sturzes teils die Verfassung, wonach ein Gouverneur der ihm untergeordneten Provinz die ganze Gewalt unter dem Kaiser besitze, und wenn einmal die Zügel der Regierung in eine schlechte Hand kämen, sich unabhängig machen könne, eine Gefahr, der vor noch nicht langer Zeit Russland, durch die Empörung des Pugatschef kaum entgangen sei; teils rechnete er aber dahin den Nationenhass zwischen Russland und Tartaren, welche letztere gewiss eine Gelegenheit, sich von Russland loszureißen, sogleich benutzen würden. Sollte es, so meinte er ferner, den Russen gelingen, sich einmal Konstantinopels zu bemächtigen, so könnte auch dieses den Verfall Russlands herbeiführen, da dann der Sitz der Regierung nach dieser Stadt verlegt werden und dadurch der Neid und Unwille Moskaus und Petersburgs erwachen würde.
Dass der Unterricht so geistreicher Männer, wie ich sie in dieser Klasse fand, bei mir nicht verloren ging, war natürlich, und ich verschlang die Worte, welche aus dem Munde dieser Männer kamen. Ich machte bedeutende Fortschritte, und es gelang mir, die Liebe dieser Männer zu erwerben. Ich saß in dieser Klasse einundeinhalbes Jahr und kam dann zu Michaelis 1795 in die erste Klasse.

In dieser Zeit wurde ich mit zwei Gebrüdern Heyligenstaedt bekannt, welche sich mir anschlossen und mich wiederholt in das Haus ihrer Eltern einluden. Dies hat in vieler Hinsicht auf mich eingewirkt, doch lasse ich dahingestellt sein, ob es gut für mich war oder nicht.
Ich will von dieser Familie, die mich bei sich aufnahm, später das Weitere erzählen. Die im Jahre 1789 ausgebrochene französische Revolution, die Greueltaten des Machthabers in Paris und der Krieg, an dem Preußen so kräftigen und doch so erfolglosen Anteil nahm, wirkte damals auf alle Gemüter, und auch ich interessierte mich stets für die Tages-Neuigkeiten. Im Jahre 1793 ging einmal mein Vater mit mir vor das Tor, um eine Kolonne gefangener Franzosen zu sehen, die in das Innere Preußens geführt wurden. Da ich selbst keine Zeitungen halten konnte, so ging ich täglich zu einem Nachbarn meines Vaters, einem Zeugmacher Wangemann, der die Hamburger Zeitung mithielt, und wo ich nun alle Neuigkeiten erfuhr. Die Lage der aus Frankreich retirierenden preußischen Truppen war damals jammervoll, da ihre dürftige Montierung sie gegen Regen, Kälte und daraus entstehende Krankheiten nicht schützen konnte. Es wurden daher für das in Halberstadt garnisonierende Regiment des Herzogs von Braunschweig Kollekten veranstaltet, wodurch es möglich gemacht wurde, den armen Soldaten Mäntel anzuschaffen, und auch ich trug mein Scherflein dazu bei. Bei allen solchen Gelegenheiten zeigte sich der Patriotismus des Rektors Fischer.

Um meinen Kindern eine Vorstellung zu geben, mit welchen Unbequemlichkeiten ihr Vater zu Hause zu kämpfen hatte, will ich die Wohnung meiner Eltern beschreiben:
Meine Eltern bewohnten die untere, aus einer ziemlich großen Stube, einer Kammer daneben, einer Küche, einem Keller und aus einem Holzstalle bestehenden Etage eines Hause auf dem Grauen Hofe. Oben wohnten andere Leute, mit denen wir den Hofraum geteilt hatten. In meinem Teile zog ich Blumen, Gewächse und ein paar Bäume. In der Stube standen zwei Betten, welche durch Gardinen verdeckt waren, die Werkstatt meines Vaters, neben welcher noch ein Zuschneidetisch stand, mein Klavier, ein Tisch, eine hölzerne Bank und ein paar Stühle. Dicht hinter der Stubentür neben dem Ofen hatte ich ein kleines Bücherregal, auf welchem meine Schulbücher und die mir nach und nach verschafften Teile von Hübners genealogischen Tabellen, die ich als einen Schatz betrachtete, sich befanden. In der Kammer neben der Stube stand mein Bett und ein paar Koffer, worin meine Mutter Wäsche und Kleidungsstücke hatte. Im Sommer konnte ich meine Studien in der Kammer oder auch in der Stube am Tische betreiben, nicht so in den kurzen Tagen des Winterhalbjahres. Da musste ich wegen Lichtersparnis an der Werkstatt meines Vaters ein Brett auf den Schoß nehmen und bei den Lichtkugeln meines Vaters, wie dergleichen die Schuhmacher bei ihrer nächtlichen Arbeit sich der Erleuchtung wegen bedienen, meine schriftlichen Schularbeiten schreiben, meine Klassiker lesen oder bisweilen meinen Eltern aus der Bibel oder auch wohl anderen Büchern vorlesen. 

In der ersten Klasse war nun der herrliche Rektor Fischer mein Klassenlehrer, der mit seinem eminenten Geiste alles anspornte und aufregte. Er las mit uns Ciceros Episteln, dessen philosophische Schriften, lehrte dabei Philosophie, Religion, Mathematik, ließ lateinische und deutsche Ausarbeitungen machen und alle Sonnabend in der ersten Abteilung der Klasse lateinische Disputationen halten, welche einer als Respondent ausarbeiten und den Rektor zur Prüfung einreichen musste. Wenn sie von diesem genehmigt worden, ließ er sie drucken und in der Klasse verteilen. Zwei andere Primaner mussten sie dann als Opponenten angreifen. Wenn der Respondent der lateinischen Sprache hinreichend mächtig und sein Thema ordentlich inne hatte, so gab es mitunter interessante Kämpfe, die bei einer nicht stattfindenden Vereinigung von dem Rektor durch geistreiche Bemerkungen entschieden wurden. Dabei hatte der Rektor Fischer sehr liberale Ansichten, ließ die Schüler bei der Wahl des Stoffes, den sie zu bearbeiten unternahmen, frei gewähren, und berichtigte ihre mitunter paradoxen Behauptungen mit vieler Milde. So erinnere ich mich noch, dass ich Ausarbeitungen fertigte über " die Wunder Jesu ", Vernunft und Glaube in der Religion. Da in der Schule manche Schüler waren, die poetische Talente hatten, so kam es auch mitunter zu netten Gedichten und poetischen Übersetzungen von Stellen aus Klassikern. Dergleichen machte dem Rektor große Freude, und er ließ oft einzelne Verse versuchen, sie in Deutsch zu übersetzen. Ich erinnere mich noch, dass er einmal die Verse aus Voltaires Henriade zu übersetzen aufgab. " Tel brille au second rang, qui pechisse au premier. " Diese hatte ein gewisser Lenz folgendergestalt übersetzt: " Mancher glänzet als Zweiter, der sich als Erster verdunkelt ". Diese gelungene Uebersetzung lobte der Rektor sehr. Auch ich, der ich nie eine poetische Ader gehabt habe, machte poetische Versuche, die aber schlecht abliefen, da sie das Lachen der Klasse erregten und mich für immer abschreckten.
In der ersten Klasse hatte auch der Prorektor Nachtigall außer dem Hebräischen noch mehrere Lektionen, besonders Literaturgeschichte. Auch der Domprediger Grahn unterrichtete in der ersten Klasse mit und las Teile des Cicero mit uns. Für die französische Sprache hatte das Domkapitel einen besonderen Lektor, den Prediger an der französisch-reformierten Kirche, namens Lebrun, angestellt, einen höchst gebildeten Mann, der mit uns ein Handbuch, welches Teile aller französischen Literatur, poetische und prosaische, enthielt, las.

Die erste Klasse war im Besitz einer kleinen, aber auserlesenen Bibliothek, welche jeder Schüler, der bei seinem Eintritt in die Klasse einen Thaler oder ein Buch zu diesem Werte schenkte, benutzen konnte, und wo dann alle Woche mehrere Bücher zum Lesen verabfolgt wurden. Diese Bücher, besonders die historischen, verschlang ich förmlich und vergrößerte dadurch meine Kenntnisse in der Geschichte ungemein, dass ich oft vorlaut genug den Collaborator Junghann, der die Geschichte der Prima vortrug, auf Fehler, die er bei dem Vortrage sich zu Schulden kommen ließ, verwies, die er gewöhnlich anerkennen musste. Der an Viewegs Stelle zum Collaborator ernannte Dr. Maas, späterhin Nachfolger des Rektor Fischer, las mit uns Teile des Tacitus.

Während ich in Prima saß, wohnte ich, da meine Konfirmationszeit herangerückt war, dem Präparandenunterricht des Oberdompredigers Konsistorialrat Streithorst bei, der einen vortrefflichen Religionsunterricht gab und mich wegen meiner guten Antworten sehr lieb gewann. Zu Ostern 1795 wurde ich, als ich schon sechzehn Jahr alt war, konfirmiert.

Obgleich der Rektor stets eine große Milde bewies und Fehler, welche aus Uebereilung entstanden, gern verzieh, auch überhaupt mehr auf Ermahnungen als auf harte Strafen hielt, so kam doch einmal ein Fall vor, wo er wider seine Natur hart sein musste. In der ersten Klasse war ein gewisser Müller, Sohn des Kammerdirektors in Halberstadt, ein ganz verwilderter und sittenloser Mensch. Dieser hatte etwas begangen, was mir entfallen ist, und sein Vater schrieb an den Rektor einen empfindlichen und leidenschaftlichen Brief, worin er demselben bittre Vorwürfe machte, dass er den schlechten Streich seines Sohnes, nachdem er davon Kenntnis erhalten, nicht bestraft habe, da er als Geschäftsmann die Erziehung seines Sohnes nicht bewachen könne. Nun statuierte der Rektor ein Exempel, welches auf alle den größten Eindruck machte. Er ließ die beiden ersten Klassen zusammenkommen, machte das Vergehen des Müller bekannt, las den Brief seines Vaters vor und hielt eine Ermahnungsrede an Müller und an beide Klassen, wobei ihm die Tränen unaufhaltsam über die Wangen liefen, und erteilte nun dem Müller eine nachdrückliche körperliche Züchtigung.

Im Chore hatte sich mit mir die Veränderung zugetragen, dass ich meine Altstimme verlor und zum Tenor übertreten musste. Dadurch verlor ich mein Amt als Hallelujasänger, wurde aber bald dadurch entschädigt, dass mir beim Abgang des Präfekt im Jahre 1797 die Präfektenstelle angetragen wurde, die ich aber ablehnte, da ich teils derselben nicht gewachsen zu sein glaubte, und teils weil ich von jeher nicht liebte, eine Stellung zu haben, welche die Aufmerksamkeit auf meine Fähigkeiten lenkte. Dagegen übernahm ich die Verwaltung dieser Stelle bis zu einer definitiven Besetzung derselben. Die letztere erfolgte nicht, und ich behielt die Verwaltung bis zu meinem Abgang auf die Universität. Dadurch erhielt ich ein bedeutend höheres Chorgeld und bekam dadurch Gelegenheit, für manche meiner Bedürfnisse ohne Zutun meiner Eltern sorgen zu können. Bald als ich in die erste Klasse gekommen war, wurden mir Privatstunden für Schüler aus den unteren Klassen der Schule übertragen, wobei der sonderbare Umstand sich
ereignete, dass mir für zwei Brüder Hecht, welche mit mir an einem Tage in die fünfte Klasse der Domschule kamen, Privatstunden übertragen wurden und ich es wenigstens dahin brachte, dass sie die vierte Klasse kamen und dann zur Ergreifung eines bürgerlichen Berufes von der Schule genommen wurden. Der Privatstunden wurden mir so viele angetragen, dass ich sie nicht alle bestreiten konnte. Ich hatte deren aber täglich drei bis vier, die meine Vermögensumstände sehr erhöhten und es mir möglich machten, außer dem Erwerb manches schönen Buches auch mir anständige Kleidungsstücke anzuschaffen, obgleich ich für die Stunde nur einen oder eineinhalb gute Groschen bekam.

Dass nunmehr meine Zeit sehr in Anspruch genommen wurde, war natürlich, denn ich hatte täglich drei Schulstunden morgens von sieben bis neun, dann von zehn bis zwölf Uhr und nachmittags von ein bis vier Uhr mit Ausnahme des Mittwoch und Sonnabend, wo die Nachmittagsstunden frei waren. Dazu kamen täglich drei bis vier Privatstunden, tägliche Besuche bei Heyligenstädts und außerdem die Zeit zur Arbeit der Schulaufgaben, zum Lesen nützlicher Bücher und zu meinen Privatstudien. Ich war noch nicht lange in der ersten Klasse, als mein Lehrer mich mit dazu verwandte, bei entstehenden Hinderungen und Vakanzen den Unterricht in der vierten und fünften Klasse mit zu übernehmen. Dies geschah in den letzten beiden Jahren besonders häufig und diente sehr zu meiner Ausbildung als Lehrer, erwarb mir auch immer mehr Vertrauen. Einst wurde mir von einem Rendanten Holzapfel, dessen Sohn ich unterrichtete, eine Schullehrerstelle in einem Dorfe bei Halberstadt namens Aspenstedt angetragen, die er mir durch seinen Einfluß verschaffen wolle. Dies überraschte mich um so mehr, da ich dadurch einen Hauptwunsch meiner Mutter erfüllen konnte. Als ich aber meinen Lehrer, den Prorektor Nachtigall, deshalb in Rat nahm, widerriet er es mir und redete mir zu, dass ich auf die Universität gehen solle. Da ich ihm vorschützte, dass meine Eltern zu arm wären, um mich auf der Universität zu unterstützen, so tröstete er mich, dass ich Stipendien erhalten werde, dass mir der Halberstädter Freitisch in Halle nicht entgehen könnte und auch die Kollegien frei erhalten würde. Uebrigens solle ich auf Gott vertrauen und nur Mut haben, dann werde es schon gehen. Ich fasste dadurch Mut, lehnte die mir in Aussicht gestellte Schulmeisterstelle ab und beschloss, mich meinen Studien mit immer größerem Eifer zu widmen. Später erfuhr ich, dass mit der mir angebotenen Stelle eine Heirat mit der nicht mehr ganz jungen Tochter der Schwägerin des Rendanten Holzapfel projektiert sei.

Ein neuer Genuss wurde mir dadurch gewährt, dass die Carl Doebbelinsche Schauspielergesellschaft im Anfang des Winters Vorstellungen in Halberstadt gab, und da sie für eine wandernde Gesellschaft schätzbare Mittel besaß, so leistete sie auch wirklich mehr, als man erwarten konnte. Die gab die damals gewöhnlichen Kotzebueschen und Ifflandschen Lustspiele, von Zschoke und die damals beliebte Oper von Dittersdorf Doktor und Apotheker, das rote Käppchen, Oberon von Vranitzky und Mozarts Zauberflöte. Da der Preis auf dem dritten Platz nur vier ggl. war, ich auch bisweilen von Heyligenstädts ein Freibillet bekam, so gewährte ich mir diesen ganz neuen Genuss öfter und lernte dadurch so manches herrliche Musikstück kennen.
Ich hatte aber auch in dieser Zeit sehr trübe Tage, da ich befürchten musste, bald als Soldat eingestellt zu werden, da damals die Rekruten fast allein aus den Bürger und Bauernsöhnen genommen wurden und es bei normal mäßiger Größe und Gesundheit schwer hielt, davon loszukommen. Da ich nun leider bei der Messung fünf Fuß, sechs Zoll hatte, so wurde ich stets mit der Aussicht entlassen, dass ich bald werde eingestellt werden. Die Cantons-Revision bestand damals aus einem Hauptmann Nagel und den Kriegs- und Domänenrat Cuno, welche beide nur das Soldaten-Interesse vor Augen hatten. Da ich nun hörte, dass Cuno sich bestechen lasse, so verschaffte ich mir einen Louisdòr und ging damit zu der Gemahlin des Cuno, bat sie um ihre Fürsprache und händigte ihr das Geldstück ein, sie gab es mir aber freundlich zurück und versprach mir ihre Verwendung. Gleichzeitig fand ich auch noch zwei Verwendungen, die eine durch den Kriegsrat v. Heyligenstädt bei Cuno und die andre durch einen alten Schulfreund namens Erling, der hatte Soldat werden müssen und wegen seiner schönen Handschrift Bataillonsschreiber geworden war und bei der Cantonsrevision das Protokoll zu führen hatte. Dieser war Liebling des Hauptmanns Nagel und versprach mir, dass ich ganz gewiss frei werden sollte, und so geschah es auch. Ich erhielt den Erlaubnisschein zum Studieren und Freiheit von der Militärpflichtigkeit. Oh wie groß war meine und meiner armen bekümmerten Eltern Freude, als diese drohende Gefahr von mir befreit war, und wie dankte ich meinen Gönnern.
In politischer Beziehung waren zwei Ereignisse der damaligen Zeit, welche mir unter meinen Erlebnissen unvergesslich geblieben sind:

Der damalige König Friedrich Wilhelm II. war von seinen früheren Ausschweifungen zurückgekommen und hatte sich dem Pietismus in die Arme geworfen. Der Kultusminister Wöllner erließ ein Religionsedikt, welches so streng und bigott war, dass Preußen bei längerer Dauer desselben um Jahrhunderte hätte zurückschreiten müssen. Gleichzeitig schickte Wöllner im ganzen Lande Kommissarien umher, welche Universitäten und Gymnasien revidieren und auf die von den Lehrern vorgetragene Religionslehre Acht haben sollten, um die in ihren Augen Irrenden zu belehren, Renitente zu verwarnen und zu denunzieren, damit sie entfernt und durch Gefügigere ersetzt werden konnten. Zwei dieser Kommissarien, die Konsistorialräte Hermes und Hühnen kamen auch zu uns und wohnten dem Religionsunterricht teil Ob sie befriedigt worden oder was sonst in dieser Hinsicht verhandelt worden, habe ich nicht in Erfahrung gebracht. Nur erfuhr man bald zur allgemeinen Freude, dass es ihnen in Halle nicht gut ergangen sei. Die Studenten brachten ihnen abends ein Pereat, warfen ihnen die Fenster ein und sie machten sich noch in derselben Nacht aus dem Staube. Glücklich für das Vaterland war es jedoch, dass
der König bald ( 1797 ) starb, und sein Sohn und Nachfolger, Friedrich Wilhelm III. bei seinem Regierungsantritt dem Unwesen steuerte und geläuterte und tolerantere Grundsätze entwickelte. Der Rektor Fischer, eine großer Patriot, dessen beständiges Bestreben war, bei seinen Schülern Liebe zum Vaterlande zu wecken, benutzte den Regierungswechsel auch dazu, um Gelegenheit zu geben, unsere Vaterlandsliebe zu zeigen. Jeder von uns Primanern musste auf die Huldigungsfeier seine Gedanken in Prosa oder Versen, wie jeder wollte, ausdrücken. Diese Aufsätze revidierte er und lies sie entweder ganz oder wenn sie mangelhaft waren, wenigstens im Auszug nebst anderen erschienen Gedichten und Beschreibungen der stattgefundenen Festlichkeiten zusammen drucken und unter dem Titel: " Huldigungen freier Liebe " herausgeben. Ich besitze dieses Buch noch, und mein unverkürzt abgedruckter Aufsatz hiess: " Wir können stolz darauf sein, dass wir Preußen sind ". Prachtexemplare wurden an den König und die Königin eingesandt, und es erfolgten darauf anerkennende und belobigende Antwortschreiben, die uns ebenfalls vom Rektor mitgeteilt wurden.

Nachdem ich zweieinhalb Jahr in der ersten Klasse gewesen war, meldete ich mich zu dem Abiturienten-Examen und wurde zugelassen. Die schriftlichen Arbeiten erhielten so gute Zensuren, wie sie nach meiner Ueberzeugung es nicht alle in dem Grade verdienten. Das mündliche Examen ging sehr gut und endigte mit einer öffentlichen lateinischen mit von mir über das Thema " Monarchi am optim.." ausgearbeiteten Disputation, welche von meinem Mitschüler Mahlmann ( dem vor einigen Jahren hier verstorbenen Präsidenten ) und mir als Respondenten gegen die übrigen Abiturienten als Opponenten verteidigt wurden. Da ich wegen meiner Gewandtheit in der lateinischen Sprache mehrere der Opponenten mit Glück widerlegte und auch der Gegenstand von mir durch meine sorgfältigen Studien erschöpfend verteidigt werden konnte, so legte ich bei der mündlichen Prüfung, der viele angesehene Männer beiwohnten nicht allein große Ehre ein, sondern der Canonikus Gleim bestellte mich zu sich, unterhielt sich mit mir, fragte mich über meine Verhältnisse und schenkte mir 4 Louisdòr mit dem Versprechen, sich meiner bei dem Nachsuchen von Benefizien stets anzunehmen. Dieses Geschenk machte mir große Freude, und ich bewahrte es als einen Schatz zu meinem künftigen Fortkommen. Ich erhielt nach vollendetem Examen die beste Zensur, beschloss aber, noch auf der Schule zu bleiben und mir noch soviel zu verdienen, dass ich bei meinem Angang Mittel hätte, mich zu equipieren und noch etwas übrig zu behalten, um meinen Schatz zu vermehren.

Nach einem halben Jahre, Michaelis 1798 reiste ich nach Halle, liess mich immatrikulieren, kam aber nach Halberstadt zurück und blieb noch ein halbes Jahr auf der Schule. Meine Bewerbung um Stipendien wollte mir aber nicht gelingen, da mir das Westerlingsche Stipendium auf drei Jahre abgeschlagen wurde. Ich erhielt nur außer dem Halberstädter Freitisch ein kleines Stipendium von 30 Thalern auf zwei Jahr und die Zusicherung, dass ich bei meinem Angange aus dem Extra Ordinario des Domkapitels eine Unterstützung von zwanzig Thalern Gold erhalten würde. So traurig ich hierdurch gestimmt wurde, da sich dadurch meine Zukunft auf der Universität höchst trübe gestaltete, so konnte ich nun doch nicht länger bleiben, sondern begab mich Ostern 1799 mit meinem zwanzigsten Lebensjahre auf die Universität Halle. Meine Mutter hatte mich nach Kräften mit Wäsche ausgerüstet, mir auch einige Viktualien mitgegeben, und so verliess ich das elterliche Haus, um mir eine Stellung im bürgerlichen Leben zu begründen. Hiermit will ich nun die Rückerinnerungen an mein Jugendleben beschließen, da ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnt, an den ich in vieler Hinsicht nur mit Wehmut über so manches durch mein Schicksal und auch häufig durch meine Schuld zurückdenken kann.