zurück Die Familie Heyligenstaedt weiter

Diese Familie, mit welcher ich durch die beiden jüngsten Söhne bekannt geworden, und wo ich, solange ich auf der Schule war, fast täglich meine Mußestunden zubrachte, gehört zu den Familien, deren äußere Verhältnisse den Anschein gewährten, als müsse sie glücklich sein und sich auch für die Zukunft ein solides Glück gründen können, jedoch war dem keineswegs so. Das Familienhaupt, der Kriegs- und Domänenrat v. Heyligenstaedt war, als ich in der Familie Zutritt erhielt, ein gesunder, kräftiger Mann, höchst angenehm und unterhaltend im Umgange, hatte eine vortrefflich gebildete Frau von sanftem Charakter, die ihren Mann und Kinder liebte und dabei höchst einfach und sparsam war. Sie hatten fünf blühende Söhne, von welchen die beiden Jüngsten, mit welchen ich befreundet war, Ernst und Wilhelm damals etwa zwischen zehn und dreizehn Jahr waren. Der Mittlere, Louis, war noch auf der Domschule, saß aber eine Klasse höher als ich. Der Aelteste, Friedrich, war bereits als Kriegssekretär bei der Kammer in Halberstadt angestellt, und der Zweite, Carl, war Offizier in bayrischem Dienste. Dazu kam, dass die Familie den Adel erhalten hatte, welches in der damaligen Zeit bei den großen Privilegien des Adels von größter Wichtigkeit war. Die Schattenseite und der Grund, weshalb die Familie demohngeachtet nicht weiter kam, hatte mancherlei Gründe. Der Kriegsrat v. H. hatte einen unbegrenzten Leichtsinn, wollte gern Gesellschaft bei sich sehen und ein Haus machen. Dadurch war er in Schulden geraten, hatte keinen Credit, musste regelmäßig wenigstens alle Jahre eine andere Wohnung beziehen, weil ihm stets gekündigt wurde. Sein Beispiel wirkte auf seine Kinder, sie hatten Dünkel, machten große Pläne für die Zukunft, versäumten dabei die Gegenwart und bildeten sich alle sehr dürftig aus. Die beiden Jüngeren wollten zum Militär, allein nur prachtvolle Husarenuniformen hatten sie im Kopf und glaubten, dass sie große Schulbildung dazu nicht bedurften. Diese Meinung über die Militärcarriere war damals sehr gewöhnlich und deshalb zu entschuldigen, weil die Söhne der Edelleute vorzugsweise zu den Offiziersstellen, wenn sie kaum die Kinderjahre hinter sich hatten, befördert wurden.
In dieser Familie wurde ich bald freundlich aufgenommen und mit der Zeit wie einer, der zur Familie gehört, behandelt. Da ich natürlich nicht aus den Grenzen der Bescheidenheit treten konnte, so lernte ich dadurch mich anständig und höflich zu benehmen. Dabei bewahrte ich aber meinen Stolz, ließ mir zwar manches, was mich verletzte, über mich ergehen, allein wenn mein Ehrgefühl zu sehr verletzt wurde, blieb ich fort, und nur wiederholte Bitten und Vorstellungen konnten mich zur Rückkehr bewegen. Bald wurde ich in dem Familienkreise unentbehrlich, und selbst wenn Gesellschaft eingeladen war, durfte ich nicht fehlen. Gefiel meinen Freunden Ernst und Wilhelm die Gesellschaft nicht, so entfernten wir uns, gingen in ein anderes Zimmer, wohin uns Speisen und Getränke nachgeschickt wurden. Mündliche Unterhaltungen, Lesen von Rittergeschichten, besonders von dem damals bekannten Krämer z. B. Paul Ysop, Erasmus Schleicher etc. fesselten uns, abends Piquet- oder Casinospiel, da man mich mit den Karten bald bekannt gemacht hatte. An dem Casinospiel nahmen die Eltern meiner Freunde, auch deren älterer Bruder des Abends mitunter teil, jedoch wurde nicht um Geld gespielt. Ein Hausfreund Artillerieleutnant a.D. namens Kratzenstein, ein kleiner aber geistreicher Mann, der stets zwei Uhren trug, deren Ketten fast bis auf die Knie herabhingen, fand sich auch oft ein.
Zum Abendbrot wurde, da der Kriegsrat selten teilnahm, nur Butterbrot mit etwas Braten oder Käse genossen und dabei ein kleines Glas abgezogenen Branntwein, jedoch sehr mäßig, genossen. Auch ich musste daran teilnehmen, jedoch enthielt ich mich bald des Schnapstrinkens, da es meine Brust angriff und ich Anfall von Blutspeien bekam. Ernst und Wilhelm fingen auch bald das Tabakrauchen an und quälten mich, daran teilzunehmen, obgleich auch dieses meine Brust angriff. Ein Vorfall, der mich um meine Augen bringen konnte, verleidete es mir endlich ganz. Es wurde mir von Wilhelm eine Gipspfeife zum Rauchen übergeben, und da sie nicht brennen wollte und ich sie durch Anblasen in den Gang bringen wollte, flog dieselbe da sie mit Pulver angefüllt war, mir zum Teil in das Gesicht und beschädigte mich bedeutend.
Nunmehr beschloss ich das Heyligenstaedtsche Haus nie mehr zu betreten. Als ich wieder hergestellt war, kamen aber nicht bloß E. und W. zu mir, baten demütig um Verzeihung, und auch die Mutter derselben schickte zu mir und ließ mich auf das Dringendste einladen, wiederzukommen, und ich konnte diesen wiederholten Bitten zur Rückkehr nicht widerstehen. Ich wurde nunmehr auf das Freundschaftlichste aufgenommen, und es fiel für mich nichts Verletzendes mehr vor.
Der Kriegsrat händigte mir eines Tages eine schriftliche Versicherung ein, wonach er mir für meine Universitätsjahre jährlich zwanzig Thaler Gold zahlen wolle. Ich, sowohl als auch die Familie, sahen dieses als ein leeres Versprechen an. Zu Weihnachten jedes Jahr erhielt ich in der Regel auch eine kleine Bescherung. Als ich von dem Kanonikus Gleim das Geschenk der zwanzig Thaler Gold machte, musste ich solche dem Kriegsrat zustellen, um sie mir aufzubewahren. Dies war mir schmerzlich, da ich auf diese Art um meinen kleinen Schatz zu kommen befürchtete, doch habe ich sie später redlich zurückerhalten. Dass diese Familie zu wenig inneren Fonds hatte,
um einem äußeren Unglücksfalle widerstehen zu können, war natürlich, und so ist sie auch als die furchtbare Katastrophe des Jahres 1806 über das Vaterland kam, ganz zugrunde gegangen. Der Kriegsrat wurde davon so ergriffen, dass er sich 1808, als ich ihn wiedersah, nicht mehr gleich sah, sondern ganz zusammengeschrumpft war. Mit seinen Finanzen war es so traurig geworden, dass er mich schriftlich um ein Darlehen von zweieinhalb Thaler zu einer Zeit bat, wo ich selbst in der größten Not war und nicht helfen konnte. Er starb bald darauf, der älteste Sohn, der gewesene Kriegssekretär, erhielt in der westfälischen Zeit eine kleine Einnehmerstelle, heiratete, wurde späterhin nach Goslar versetzt, wo er mit Hinterlassung einiger Kinder in drückender Armut verstorben ist. Der zweite Sohn Carl, früher Offizier im Preußischen, dann in bayrischem Dienste, wurde eines gemeinen Vergehens wegen cassiert, wurde ein Säufer und ist in diesem Zustande zugrunde gegangen. Der dritte Sohn Louis, mit dem ich noch einige Jahre in Halle auf der Universität zubrachte, hatte auch nichts gelernt, machte die Freiheitskriege mit, kam mit vielem Dünkel zurück, heiratete eine alte bemittelte Frau, wurde als Journalist bei der Regierung in Magdeburg angestellt, kam wegen Teilnahme an demagogischen Umtrieben zur Untersuchung, kam auf die Festung und ist ebenfalls verstorben. Ernst hatte sich als Offizier an dem Schillschen Unternehmen im Jahre 1809 beteiligt und ist in Stralsund mit niedergehauen . Der Jüngste, Wilhelm, war nach der Schlacht von Jena in dänische Dienste gegangen, hatte in Dänemark geheiratet, trat im Jahre 1815 in Preußische Dienste zurück und starb zu Erfurt. Seine Witwe ist mit ihrer Tochter nach Dänemark zurückgekehrt. Die verwitwete Kriegsrätin v. H. hat noch einige Jahre gelebt und ist auch daselbst verstorben. So ist diese blühende Familie spurlos verschwunden.