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Da ich nun endlich immer mehr zu der Ueberzeugung gekommen war, dass ich mein bisheriges Leben ohne Gefahr, dabei moralisch zugrunde zu gehen, nicht fortführen konnte, vielmehr mir einen festen Beruf wählen müsse, so beschloss ich Ostern 1803, mich ernstlich der Jurisprudenz zu widmen. Ich hatte zwar keine Hoffnung, mir die Mittel zu beschaffen, wodurch ich einmal praktisch eine feste Anstellung im Staatsdienst mir verschaffen könne, allein ich hielt es doch für notwendig, mich so auszubilden, dass ich erforderlichenfalls nicht aus
Mangel an Kenntnissen zurückgesetzt werden konnte.

Ich fing nun ein geregeltes Leben an, nahm juristische Kollegien an, besuchte sie ordnungsmäßig, repetierte sie, las dahin einschlagende Bücher und suchte mich zum Juristen auszubilden. In dem ersten Jahre nahm ich bei dem Professor Hoffbauer Naturrecht, bei dem Professor Konopak Institutionen, bei dem geheimen Rat Schmalz juristische Encyklopädie, deutsches Staatsrecht und Lehnrecht, bei dem Professor Bathe Pandekten, bei dem Professor König Kirchenrecht und bei dem Professor Voltair Kriminalrecht an. Die meisten dieser Kollegien mit Ausnahme von Schmalz und Voltair, wurden handwerksmäßig gelesen, so dass meistens diktiert wurde und Hefte geschrieben werden konnten. Erst bei Voltair ging mir ein Licht auf, wie man sich mit der Rechtswissenschaft vertraut machen muss. Er las nach Meisters Kriminalrecht, nahm aber jede dahin einschlagende Materie mit Geist auf, gab passende Beispiele und gab bei jeder Gelegenheit Stoff zum Nachdenken. Bei diesem geistreichen Mann nahm ich noch hinter Pandekten Landrecht und ein praktisches Kolleg an, sowie auch Prozess, die ich alle mit Eifer und Lust besuchte und nie versäumte. Da Voltair wohl damals einer der größten Romanisten war, so machte ich mir zum dem Hefte von Bathe Randbemerkungen, die ich wie einen Schatz betrachtete. Voltair sprach zwar ein kauderwelsches Deutsch, aber sehr fließend Latein und ich hatte das Glück, dass er, was bei ihm ungewöhnlich war, alle seine Kollegien beendigte.

Meine Art zu repetieren bestand darin, dass ich Definitionen ganz aufschrieb, übrigens aber auch kurze Notaten machte, die ich zu Hause ausarbeitete, dabei kam mir mein gutes Gedächtnis herrlich zustatten. Es kam einmal der Fall vor, das ein Bekannter von mir das Lehnrecht bei Schmalz versäumt hatte und mich fragte, was vorgekommen sei. Ich war imstande, ihm das ganze Kollegium aus dem Gedächtnisso getreu vorzutragen, dass es ganz vollständig und nichts von Wichtigkeit davon ausgelassen war.

Da in unserer Landsmannschaft sich eine nicht geringe Anzahl Juristen befanden, so errichteten wir, um uns gegenseitig auszubilden, eine juristische Gesellschaft ( Juridica ) und kamen wöchentlich einige Male zusammen, um Höpfners Kommentar über die Institutionen, dem damals beliebtesten Handbuche, durchzunehmen. Dadurch bekamen wir Veranlassung, gegenseitig uns zu beschäftigen und über juristische Gegenstände, auch solche, die nicht in dem Höpfnerschen Kommentar waren, auszusprechen.

Ich hatte auf diese Art ein neues Leben angefangen, welches ich regelmäßig fortsetzte und bei welchem ich mich um so wohler befand, als nunmehr das Schwankende daraus verschwunden war und ich mich zu einem bestimmten, edlen Ziele vorbereiten konnte. In meinem Studium machte ich Fortschritte und sah der Zukunft mit vielem Vertrauen entgegen.

Aus dieser Gemütsruhe sollte ich aber bald durch ein unglückliches Ereignis aufgeschreckt werden. Der akademische Senat hatte, ich weiß nicht mehr aus welcher Veranlassung, für nötig erachtet, energische Maßnahmen gegen die Landsmannschaften zu ergreifen. Eines Tages war es zum Tagesgespräche geworden, dass mehrere Studenten aus verschiedenen Landsmannschaften relegiert und andere mit dem Consilio abeundi belegt werden und dass ein Schlesier Heilmann und der Senior unserer Landsmannschaft Tieleben in einen Wagen gesetzt und in ihre Heimat zurückgesandt wären. Da hierdurch allgemeine Bestürzung erregt war und jeder, der dem Prorektor missliebig war, ein Gleiches zu befürchten hatte, so dachte ich, dass mir ein gleiches Schicksal widerfahren könne.

Als ich abends zu Hause ankam, brachte mir die Aufwärterin die Nachricht, dass der Pedell dagewesen sei und mich für den folgenden Tag morgens neun Uhr in die " die Waage " vor dem akademischen Senat beschieden habe. Obgleich ich nicht unvorbereitet war, so wirkte doch diese Nachricht wie ein Donnerschlag auf mich, und ich, den schlimmsten Ausgang befürchtend, sah mich dadurch am tiefsten Abgrund. Als ich am anderen Morgen an dem bestimmten Orte erschien, fand ich den Prorektor Professor Jacob und den Universitätssyndikus Hofrat Dryander. Diese beiden Männer waren wegen ihrer Stellung von den Studenten gefürchtet, und man hatte allgemein die Meinung, dass sie nicht allein nicht human, sondern sogar höchst malitiös wären. Besonders war der Prorektor J. höchst verhasst, da er stets nur darauf ausging, den Studenten Böses zuzufügen.

Ich musste ihn umso mehr fürchten, weil ich schon früher einmal einen heftigen Tanz mit ihm gehabt hatte. Ich wohnte damals in Glaucha in dem Hause einer verwitweten Salzfaktor Jungmann, die sich darauf etwas einbildete, eine geborene Adlige zu sein. Hinter dem Hause war ein schöner Garten, welchen aber die in ihrem Hause wohnenden Studenten nicht betreten durften. Als ich eines Abends zu Hause kam, waren Tische und Stühle meiner Stube nicht auf ihrer gewöhnlichen Stelle, und ich fragte deshalb die Aufwärterin, welche Bewandtnis dies habe. Als ich nach kurzer Zeit denselben Auftritt wieder hatte und mir die Aufwärterin sagte, die Frau Salzfaktorin habe es verlangt und geäußert, dass es ihre Meubels wären und sie darüber disponieren könne, sagte ich der Aufwärterin, sie solle der Frau Salzfaktorin bekannt machen, sie möge sich hüten, dass ich nicht dazu käme, sonst würde ich ihr die Knochen am Leibe zerschlagen, da ich jeden, der ohne meine Erlaubnis in meine Stube käme und Sachen wegbringen wollte, als einen Dieb ansehen würde. Deshalb verklagte mich die Frau Salzfaktorin bei dem Prorektor Jacob und dieser ließ mich kommen und fragte, ob ich dies gesagt habe. Ich erzählte ihm das Sachverhältnis und gestand, diese Aeußerung getan zu haben mit dem Bemerken, dass ich vorkommenden Falls Wort halten werde. Der Prorektor konnte mich zwar nicht bestrafen, allein er war sehr ungehalten und machte mir Vorwürfe wegen meiner Grobheit.

An diesem Tage hatte er in meiner Gegenwart noch seinen Aerger über einen anderen Studenten namens Remmert der schon über vierzig Jahre alt war und früher Mönch in einem Schweizer Kloster gewesen war, jedoch aus demselben entsprang, zur protestantischen Religion übertrat, nochmals studierte und zwar Jura und sich nunmehr seit Jahren schon als Repetent nährte. Da er noch als Student immatrikuliert war und daher den akademischen Gesetzen unterworfen war, wonach Studenten-Schulden nicht einklagbar waren, jedoch dadurch legitim wurden, wenn der Student solche bei dem Universitätsgerichte anerkannte und eintragen ließ. Dieser Remmert war von einem Gläubiger vor den Prorektor geladen, um eine ihm schuldige Summe zu bezahlen oder wenigstens eintragen zu lassen. Remmert versprach zwar zu bezahlen, widersetzte sich aber der Eintragung, und als der Prorektor deshalb auf ihn einstürmte und auch von der Billigkeit des Verlangens sprach, sagte Remmert: " Wenn Ew. Magnifizenz römischer Prätor wären, so könnten Sie nach Billigkeit entscheiden, aber wir haben Gottlob Gesetze, denen Sie und ich unterworfen sind.". Da nun der Prorektor mit ihm nicht anfangen konnte, und auch mit mir seinen Zweck nicht erreichte, so entließ er uns in vollstem Ungrimm. Dass mir derselbe dieses nachtragen würde bezweifelte ich nicht. Es kam auch ganz so.

Der Syndikus Hofrat Dryander machte mir Folgendes bekannt: " Herr Holtze, gestern ist in dem Consilio sehr nachteilig von Ihnen die Rede gewesen. Sie sind fünf Jahre in Halle und haben seit zwei Jahren keine Kollegien gehört oder angenommen. Deshalb erhalten Sie den Befehl, Halle binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen, widrigenfalls Sie die Polizei aufgreifen wird. ". Der Prorektor J., welcher glaubte, dass ich etwas erwidern würde, gebot mir zu schweigen, und ich entfernte mich mit einer Verbeugung. Die Herren hatten einen großen Fehler begangen, dass sie mir Gründe zu dem Consilium abeundi gegeben hatten, denn es stand in ihrer Macht, mich ohne Gründe auszuweisen. Ich begab mich nunmehr zuvörderst zu dem Geheimen Rat Schmalz, der mich sehr freundlich empfing und auf meine Frage, ob ich das Glück hätte, ihm bekannt zu sein, erwiderte: " Ei wohl kenne ich Sie, denn Sie sind ja einer meiner fleißigsten Zuhörer ". Ich bat ihn nur, mir über diese günstige Aeußerung gefälligst ein schriftliches Zeugnis zu geben, und erzählte ihm, was mir soeben von dem Prorektor bekannt gemacht wäre. Es äußerte hierauf, dass gestern allerdings von einem meines Namens die Rede gewesen sei, allein von einem Theologen, über den sich die Herren von der Theologischen Fakultät geäußert hätten, dass er zwar früher bei ihnen Kollegia gehört, aber seit zwei Jahren dergleichen nicht angenommen habe. Wenn er gewusst hätte, dass von mir die Rede gewesen wäre, so würde er sich sogleich meiner angenommen haben. Allein er wolle sich bemühen, dass, wenn ich mit meinem Gesuche um Zurücknahme des Consilii einkäme, dieses zurückgenommen werden solle. Er gab mir nun ein Zeugnis, wie ich es nur hatte wünschen können. Nun ging ich zu Voltair und zu den übrigen Professoren, bei denen ich Kolleg gehört hatte und noch hörte, fand bei ihnen gleiche Teilnahme, und alle stellten mir die vorzüglichsten Zeugnisse über meinen Fleiß aus. Mit diesen Zeugnissen ging ich zu dem Prorektor und überreichte sie ihm. Er las sie durch und äußerte, dass zwar daraus hervorgehe, dass ich meine Zeit gut angewendet habe, allein die angegebenen Gründe wären nur aus der Luft gegriffen, ich habe aber das Konsilium aus ganz anderen Gründen erhalten. Als ich hierauf meinen Unwillen nicht unterdrücken konnte, schnitt er die Unterredung ab und sagte, ich solle nur mit einem Gesuche einkommen und die Zeugnisse beifügen, dann werde vielleicht eine Zurücknahme des Konsilium erfolgen, allein Halle müsse ich, um nicht ungehorsam zu scheinen, verlassen. Als er mich fragte, wohin ich gehen wolle und ob ich in der Nachbarschaft Verwandte hätte, und ich äußerte, dass ich nach Lauchstädt gehen wolle, meinte er, dies möchte ich nicht tun, da es aussähe, als ob ich nur meinem Vergnügen fröhnen wolle. Als ich ihm sagte, dass ich nach Cönnern gehen wolle, war er damit zufrieden. Ich fuhr noch an demselben Tag nach Cönnern.

Hier hielt ich mich auch den folgenden Tag auf, bis am dritten Tag eine große Menge meiner Landsleute zu Wagen und zu Pferde ankamen, mir das Rescript brachten, wodurch das Konsilium, jedoch mit gemessenen Verwarnungen, zurückgenommen war. Meine Landsleute fuhren nun mit mir nach Halle zurück und zwar unbesonnenerweise vor dem Hause des Prorektors vorbei. Den folgenden Tag ging ich zu dem Prorektor, um mich zu melden, und bat ihn zugleich, mir die Gründe anzugeben, weshalb man mit solcher Strenge gegen mich verfahren habe, und bemerkte, dass ich dies wissen müsse, da ich sonst in den Fall komme, aus anderen aus der Luft gegriffenen Gründen, die ich vielleicht nicht so evident widerlegen könne, abermals in Gefahr zu kommen. Da wurde er unwillig und sagte: " Sie wollen sich wohl noch auf das große Pferd setzen, wissen Sie nicht, dass uns bekannt ist, dass Sie Vorfechter bei den Sachsen sind ? " Diese so unwahre und alberne Aeußerung war mir lächerlich und ich sagte: " Magnifizenz ! , ich weiß wohl, dass Sie auf das Ehrenwort eines Studenten nichts geben, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich seit wenigstens drei Jahren den Fechtboden nicht besucht und kein Rappier in Händen gehabt habe." Ich verließ nun den gestrengen Herrn und machte Besuche bei den Professoren, um ihnen für ihre Unterstützung meinen Dank zu bringen. Alle bezeigten sich sehr teilnehmend, und der alte, würdige Voltair sagte in seiner gemütlichen Weise " Ei, ei ! mit dem Prorektor müssen Sie nicht anbinden, da kommen Sie zu kurz ".

Als ich nach einigen Tagen ihm das Honorar von fünf Thalern für das bei ihm gehörte Kriminalrecht überbrachte, gab er es mir zurück und sagte, ich möge bei ihm noch hören, was ich wolle, und es gereiche ihm zum Vergnügen, mir nützlich zu werden.

Ein Glück für mich war es übrigens, dass kurze Zeit nach diesem Vorfalle wieder Prorektorwahl war und Professor Maass Prorektor wurde. Dieser würdige Mann war ganz das Gegenteil von Jacob. Er wohnte auf der großen Steinstraße ( im Türkschen Hause, der sogenannten Türkei ). Neben diesem Hause und sogar neben der Stube des Professors wurden damals sehr häufig Duelle abgehalten, und Maass konnte das Klingen der Hieber stets hören. Anstatt von seiner ihm verliehenen Gewalt Gebrauch zu machen, schickte er seinen Famulus zu einem dort wohnenden Studenten und ließ bitten, dass die Herren sich doch genieren und ihn nicht zwingen möchten, einzuschreiten. Natürlich unterblieb nun die Abhaltung der Duelle in diesem Hause.

In unserer Landsmannschaft wurde um diese Zeit ein Beschluss gefasst, der zum Wohl der Mitglieder diente. Da das Spiel so überhand genommen hatte und viele von uns ihre Wechsel an den Spielbanken an öffentlichen Orten verloren hatten, so wünschte unser Senior Franke, dem Verderben Einhalt zu tun und ging damit um, uns mit Ehrenwort zu verpflichten, an keinem öffentlichen Orte in und um Halle (auch namentlich nicht in Passendorf, Lauchstädt und Leipzig) Hazardspiele zu spielen.

Als die Sache in unserem Konvent zum Vortrag kam, unterstützte ich den Antrag so lebhaft, dass meinem Einfluss es hauptsächlich gelang, den Beschluss zu fassen, dass keiner von unserer Landsmannschaft an einem öffentlichen Orte in und um Halle, auch namentlich nicht in Passendorf, Lauchstädt und Leipzig Hazardspiele spielen wolle und dass wir uns dazu alle mit Ehrenwort verpflichteten.

Auf unseren Stuben wurde nun zwar das Spiel noch getrieben, allein es konnten doch große Summen nicht riskiert werden. Alle hielten ihr Ehrenwort, nur mein Landsmann Quidde konnte seiner Passion nicht widerstehen. Er wurde bei dem Farospiel ertappt und aus Rücksicht auf seine sonst gemütliche Persönlichkeit nur aus der Landsmannschaft exkludiert.

Zu der Zeit, als ich noch Hazardspiele trieb, ereignete sich ein Vorfall, der in psychologischer Hinsicht merkwürdig war und wobei ich mit beteiligt war. Es studierte mit mir ein Landsmann namens Müller aus Halberstadt, der ebenfalls viel spielte und, weil er Geld hatte, öfters Bank legte. Schon vor ihm hatte ein älterer Bruder in Halle studiert und kam, ich weiß nicht weshalb, in Verruf. Beide waren Söhne des Kammerdirektors Müller in Halberstadt, der, da die Frau schon längst gestorben war, bei seinen vielen Berufsgeschäften sich wenig um seine Kinder und deren Erziehung kümmern konnte. Deshalb waren beide sehr verwahrlost. Der ältere war leichtsinnig, machte schon auf der Schule schlechte Streiche, weshalb er auch, wie ich in meinen früheren Rückerinnerungen schon erzählt habe, einmal als Primaner, auf Veranlassung seines Vaters, von dem Rektor Fischer öffentlich vor der Klasse eine körperliche Züchtigung erhielt. Der jüngere lebte zwar besser, war aber von boshaftem Charakter. Ich habe auch schon früher erzählt, dass ich ihn schon auf der Schule einmal, als er mich gereizt hatte, ohrfeigte. Ob er mir gleich an Körperkräften nicht nachstand, so wehrte er sich doch nicht, sondern zählte die Ohrfeigen, die ich ihm gab, und verklagte mich bei dem Rektor, dass ich ihm so und so viele Ohrfeigen gegeben hätte. Beide Brüder behandelten sich auch ganz schroff, nannten sich "Er", und der jüngere malträtierte aus Hass gegen seinen Bruder dessen Hund, und der ältere rächte sich deshalb an den Hühnern, die sich der jüngere Bruder hielt. Kurz, beide waren ein paar merkwürdige Originale, jedoch waren sie nicht in unserer Landsmannschaft aufgenommen. Nun ereignete es sich, dass Müller jun. eines Abends auf dem 'Löwen' Farobank aufgelegt hatte, bei der viele und auch ich pointierten. Müller bekam dabei Zank mit einem der Pointiers, welcher ihn einen dummen Jungen nannte und, wie ich glaube, sogar Ohrfeigen anbot. Die Bank war nun beendigt, aber Müller, statt seinen Gegner zu fordern, ging des folgenden Tages zum Prorektor und zeigte ihm an, dass er am Abend vorher auf dem 'Löwen' Farobank gemacht und die und die Studenten dabei pointiert hätten. Es sei ihm zwar nicht unbekannt, dass ihn als Bankhalter eine größere Strafe treffen werde, allein er wollte darauf antragen, dass die Pointeurs gleichfalls zur Untersuchung und Bestrafung gezogen werden sollten. Mich hatte er nicht mit verklagt, jedoch mich zum Zeugen angegeben.. Es bedurfte jedoch meines Zeugnisses nicht, da die Angeklagten nicht leugneten und das Universitätsgericht, empört durch die Art und Weise der Anklage, sie mit einer geringfügigen, ich glaube 24stündigen Carcerstrafe durchließen, den Müller aber mit 4 Wochen Carcerstrafe belegten.

Eine sehr interessante Wette, an der ganz Halle teilnahm, ereignete sich zu meiner Zeit bei einem sehr heißen Sommertage, als drohende Gewitter am Himmel sich zeigten, waren mehrere Oekonomen aus Halle und dessen Umgegend in dem Perniceschen Weinhause an der Galg (jetzt Leipziger Straße), zusammen und unterhielten sich. Einer derselben war wegen seines bereits gehauenen Heues zwei Stunden von Halle an dem Saaleufer besorgt, weil er, da es über 60 Ztr. wären, es mit einer Fuhre nicht einfahren könne. Ein gegenwärtiger Fuhrmann, Müller aus Halle, sagte hierauf, dass er sich getraue, es mit seinem Geschirr mit einem Male einzufahren. Über diese Möglichkeit wurde hin und her gesprochen, und es kam die Wette zustande, dass Müller, wenn er das Heu auf einen Wagen ohne umzuwerfen oder an dem Wagen etwas zu beschädigen, einbrächte, das Heu eigentümlich haben könne. Im Falle des Verlustes der Wette aber müsse er eine Geldsumme von ich glaube 100 Thalern bezahlen. Die Wette wurde abgeschlossen, und, da es bald in Halle bekannt wurde, so sammelte sich eine ungeheure Menschenmenge, um das Wunder zu sehen. Auf dem Platze, wo das Heu lag, wurde es gewogen, und es waren 72 Ztr. Der Fuhrmann Müller war bekannt, hatte vorzüglich kräftige Pferde und gute Wagen. Er ließ nun den Wagen erst sorgfältig untersuchen, spannte seine vier Pferde vor, lud das Heu selbst auf, hatte die Seitenwände erweitern lassen, so dass das Heu wie in einer Wiege lag, und überall das Gleichgewicht nicht gestört werden konnte. Links und rechts an den beiden Seiten gingen Knechte mit Staffeln, die das Schwanken verhüten sollten, und vor dem Wagen gingen Knechte, die Material hatten, um bei ungleichen Stellen des Weges diese aufzufüllen. Müller fuhr selbst höchst vorsichtig, und das ungeheure Fuder, desgleichen noch nicht existiert hatte, kam glücklich in Halle an. In das Rausche Tor konnte es wegen seiner Größe nicht hereingebracht und musste umgeladen werden. Müller hatte die Wette gewonnen, und es war darüber allgemeiner Jubel.

Das Leben in Halle war übrigens zu allen Jahreszeiten für den Studenten angenehm und hatte verschiedenartige Reize. Im Winter waren besonders die Schlittenfahrten, besonders nach Reideburg, sehr beliebt. Oft fuhren 70 - 80 und mehr Schlitten dahin, man trank Kaffee und fuhr froh und vergnügt wieder zurück. Ich habe mancher dieser Partien mitgemacht und erinnere mich ihrer noch gern, umso mehr, da sie nicht kostspielig waren, indem ein Schlitten, in dem Vier saßen, in der Regel nicht über zwei Thaler kostete.

Im Sommer waren kleine Reisen, Kahnfahrten auf der Saale, Gartenvergnügungen mit Musik oder Besuch der nahen Orte Trotha, Dieskau mit seinem schönen Garten, die Rabeninsel, Giebichenstein und auch Partien, um Schafmilch zu essen. Dies wechselte auch bei mir mit dem Besuch von Passendorf ab, indem ich mich, wenn Freunde mich aufforderten, nie ausschloss.
Das größte Vergnügen war aber Lauchstädt zur Zeit der Saison in den Monaten Juli, August jeden Jahres. Hier versammelten sich sonntags und auch in der Woche, wenn ein gutes Stück im Theater gegeben wurde, hunderte von Studenten, eine Menge Hallenser Bürger mit ihren Familien, Professoren, Offiziere und was sonst nur Geld erschwingen konnte. Mehrere Male wurde in der Woche abends getanzt, woran jeder, natürlich wer ballmäßig kostümiert war, teilnahm. Da Lauchstädt damals noch sächsisch war, so kamen aus Merseburg, Leipzig und der ganzen Umgegend eine Menge Menschen. Es war während der Saison stets die Weimarsche Schauspielgesellschaft, damals eine der vorzüglichsten in Deutschland, gegenwärtig, und es wurden die Stücke von Schiller in den Jahren 1797 bis 1806, wo ich in Halle war, alle noch im Manuskripte, von dieser vortrefflichen Gesellschaft, die von Schiller und Goethe selbst angeleitet wurde, auf das vollkommenste aufgeführt. Schiller und Goethe und andere Notabilitäten waren während der Badezeit stets da, und man sah sie täglich in der Allee oder im Schauspielhause. Auch die Stücke von Goethe und manche klassische Oper von Mozart oder von Winter, auch das damals so beliebte Vaudeville Fanchon wurden gegeben.

Morgens wurde in der Allee, wo an schönen Tagen eine Menge schön geputzter Herren und Damen spazieren gingen, oder teilweise bei der Spielbank zugebracht, mittags und abends im Salon herrlich gespeist, nachmittags in der Allee Kaffee getrunken und abends, wenn kein Schauspiel war, in den Restaurationen und Kneipen zugebracht.
Da des Sonnabends keine Kollegien gelesen wurden, so ging ich dann in der Regel mit vielen anderen morgens ganz früh fort, und da der Weg über die Wiese von der hohen Brücke aus näher als der Fahrweg war, so kam man in der Regel in zwei Stunden nach Lauchstädt, blieb hier den Sonnabend und Sonntag und kehrte dann montags ganz früh nach Halle zurück, um die Kollegien nicht zu versäumen. Reiche Studenten hielten sich die ganze Badezeit dort auf und kamen nur nach Halle zurück um Geld zu engagieren, wenn dieses ausgegangen war. Oft versammelten sich sonnabends früh bei mir wohl an zwanzig, worunter aber manche waren, denen die Geldmittel abgingen und sich erst poussieren wollten, denn es wurde nicht blos vor dem Weggehen, sondern auch an einigen Stationen unterwegs, z. B. an der hohen Brücke oder auf einzelnen Stationen der Wiese ein Spiel Karten aus der Tasche geholt und das Glück versucht, welches zur Folge hatte, dass mehrere aus der Gesellschaft, denen das Glück nicht günstig war, traurig und missmutig nach Halle zurückkehrten.

Die Einfälle der Studenten waren oft sehr närrisch. Eines Tages wurde beschlossen, mit Mistwagen von Halle nach Lauchstädt zu fahren. Es wurden daher einige gemietet und auf jedem saßen oder standen soviel Studenten als der Wagen fassen konnte mit ihrer gewöhnlichen Kleidung. Diejenigen, welche fuhren, waren dagegen in kostbarer Uniform und ebenso waren elegant gekleidete Vorreiter. So zog man in Lauchstädt ein, fuhr durch die Allee zu einer Zeit, wo hunderte feingekleidete Herren und Damen der Umgegend aus allen Ständen versammelt waren zur großen Belustigung aller. In der Allee stieg man ab und mischte sich in die Reihen, um an den Vergnügungen teilzunehmen. Mitunter waren auch fürstliche Personen in Lauchstädt, die sich um das Bad zu gebrauchen, daselbst aufhielten.

So war einmal in der Badezeit die regierende Fürstin von Anhalt-Köthen da, welche an den Bällen teilnahm und durch ihre Kammerherren diejenigen, welchen sie die Ehre zudachte, mit ihr zu tanzen, auffordern ließ. Ein anderes Mal war die verwitwete Königin von Preußen, Mutter des regierenden Königs, gegenwärtig und hatte besonders des Abends einen Pavillon nahe dem Salon inne, wo sie häufig eine Gesellschaft vornehmer Personen zu sich eingeladen hatte und wo häufig des Abends musikalische Unterhaltung war.
Eines Abends war der bei der Weimarschen Truppe engagierte Schauspieler Ehlers, ein ausgezeichneter Sänger mit einer angenehmen Tenorstimme eingeladen, der mit der Guitarre die Königin und ihre Gesellschaft durch die damals beliebtesten Lieder erfreute. Eine Menge Menschen, auch viele Studenten, hatte sich draußen vor dem Pavillon aufgestellt und erheiterte sich durch den herrlichen Gesang. Bei dieser Gelegenheit äußerte ein Student namens Geyer aus Schlesien, dass Ehlers sich herabwürdige, indem er für Geld singe. So albern auch diese Äußerung war, so war es doch von einem fremden Menschen, der Geyer gar nicht kannte und keinen Beruf hatte, ihn deshalb zu beleidigen, unvernünftig zu demselben zu sagen, er rede wie ein dummer Junge. Ehlers sei sein Freund und er lasse ihn nicht beleidigen. Auf die Frage, wer er sei, erwiderte er, er heiße Grimmer, sei Student gewesen und jetzt bei der Weimarschen Truppe engagiert. Es war die Frage, wie Geyer sich Genugtuung für die Beleidigung verschaffe, ob er ihn fordern solle oder was sonst zu tun sei. Da dieser Grimmer einer der schlechtesten Schauspieler und kaum zum Bedienten oder andern kleinen Rollen zu gebrauchen war, so wurde von Seiten der Studenten beschlossen, dass Geyer ihn nicht fordern solle, man vielmehr den Grimmer, wenn er wieder aufträte, öffentlich blamieren wolle. Als nun am folgenden Tage ein Stück gegeben wurde, wo Grimmer wieder eine Bedientenrolle zu spielen hatte und auf der Bühne erschien, um einen Tisch herzutragen, wurde er von den Studenten aus mehr als hundert Kehlen mit einem: Bravo, Grimmer ! empfangen, welches so lange fortgesetzt wurde, bis einer der beliebtesten Schauspieler auftrat und sagte, Herr Grimmer solle nicht mehr auftreten. Hiermit war dessen Rolle bei der Weimarschen Truppe beendigt, denn er wurde auch sogar in Lauchstädt nicht wieder gesehen.

Wenn das Badevergnügen sein Ende erreicht hatte, so nahm besonders Ende September die Dorfkirmsen ihren Anfang, die auch von den Studenten fleißig auf den benachbarten sächsischen Dörfern Reideburg, Schlettau, Delitz am Berge, Passendorf etc. besucht wurden, wo auch viel gespielt, auch mit den Dorfbewohnern getanzt wurde und wo es selten ohne Prügeleien und blutige Köpfe ablief. In der Regel hielt ich mich davon fern, hatte aber doch Gelegenheit in eine solche Prügelei mit verwickelt zu werden, die sehr ernsthaft hätte werden können.
Es war in Passendorf und zwar in der Oberschenke, wo ich mich auch eingefunden hatte und wo ein die Prügelei vorbereitendes Schimpfen der Bauern gegen die Studenten sehr laut wurde. Ein Bekannter von mir, ein alter Mediziner Henze aus Westfalen, derselbe der, wie ich schon erzählt habe, von Hellmann bestohlen war, hatte zuviel getrunken und war in einer höchst gereizten Stimmung. Ein Mann aus Passendorf, der mich kannte und vor Schaden schützen wollte, bat mich aufzubrechen und meinen Freund Henze mitzunehmen, da man sehr aufgebracht gegen ihn sei. Ich ermahnte nun Henze mit mir zu gehen, allein dieser wollte es nicht, zog seinen großen Hausschlüssel aus der Tasche und wollte sich damit verteidigen. Im Stiche konnte ich ihn nicht lassen, da die Erbitterung gegen ihn zu groß war. Es kostete mir indessen viel Mühe, ihn fortzubringen, und noch als wir nach Halle zurückkehrten, machte er mir Vorwürfe, dass ich ihn der Gelegenheit beraubt hätte, die Bauern mit blutigen Köpfen nach Hause zu schicken. Erst den anderen Tag, als er ausgeschlafen hatte, sah er ein, dass ich recht verfahren habe.

Ein paar Vorfälle, an die ich mich noch sehr lebhaft erinnere, will ich nicht unerwähnt lassen. Es war an einem März- oder Apriltage, wo das Wasser noch mit Eis bedeckt war, das aber wegen eingetretenen Tauwetters schon anfing, mürbe zu werden, als ich mit mehreren Freunden nach Passendorf, jedoch nicht auf dem gewöhnlichen Wege, weil dieser sehr schmutzig war, sondern über die Wiesen ging. Hier kamen wir an einen mit Eis bedeckten Graben, über den meine Gefährten keck und ohne einzubrechen hinübergingen. Als ich dem Eise nicht traute und Bedenken trug, lachten meine Gefährten und redeten mir zu, ihnen zu folgen. Ich wagte es, allein kaum hatte ich das Eis betreten, als es zusammenbrach, und als ich mich mit den Händen halten wollte, immer noch weiter brach und ich bald bis an der Brust im Graben war, ich mich auch kaum noch durcharbeiten konnte. Ganz durchnässt als ich war ging ich etwa nicht nach Hause zurück, um mich trocken zu kleiden, sondern setzte mit meinen Gefährten die Tour nach Passendorf fort. Hier suchte ich mich an dem warmen Ofen zu trocknen, trank meinen Kaffee und setzte mich an den Spieltisch. Als ich abends nach Halle zurückging, war es kälter geworden, und die noch nicht getrocknete Kleidung fror mir am Leibe fest. Es schadete mir aber nichts.

Wenn im Frühjahr das Eis aufging, trat die Saale häufig so sehr aus ihren Ufern, dass die Gegend von der Chaussee bis weit über die Wiese, wo der Weg nach Lauchstädt geht, ganz unter Wasser war und die hohe Brücke aus demselben kaum hervorragte. Eines Sonntags , als das Wasser höher war als gewöhnlich, beschloß ich dennoch mit einem Freunde nach Pasendorf zu gehen. An den Pulverweiden war das Wasser schon so hoch, dass wir uns mit einem Kahn bis zur hohen Brücke, deren obere Höhe noch so eben aus dem Wasser hervorragte, mussten übersetzen lassen. Von der hohen Brücke war bis P. lauter Wasser und am Ende derselben war ein Fischer, der zwei kleine Kähne zusammengebunden hatte um Leute, die notwendig nach P. oder weiter belegenen Dörfern wollten, überzufahren. An diesen Fischer wandten wir uns und baten ihn, uns überzusetzen. Er widerriet es uns, zeigte uns seinen zerbrechlichen Kahn, der bei heftigem Sturm in Gefahr wäre umzuschlagen. Er warnte uns, unser Leben nicht mutwillig zu wagen, da wir doch nur zu unserem Vergnügen diese Partie machen wollten. Allein was war gegen Studentenwillen zu machen? Er musste uns übersetzen, allein es währte eine halbe Stunde, ehe wir in dem elenden Fahrzeuge die sonst kurze Tour zurücklegten. Er brachte uns bis Passendorf, wir bezahlten ihn und wollten nun in unsere gewöhnliche Kneipe, die Unterschänke. Das Wasser war aber auch hier noch so groß, dass wir mit unseren großen Stiefeln kaum durchkonnten und ganz durchnässt ankamen. Hier waren wir ganz allein, denn niemand hatte es gewagt, die Tour zu machen. In dem herrlich geheizten Zimmer zogen wir unsere Röcke aus, trockneten sie am Ofen, tranken Kaffee und waren sehr vergnügt über unsere Heldentat. Gegen Abend hatte bereits der heftige Sturm das Wasser größtenteils in sein Bette zurückgebracht, und wir kamen auf der Chaussee glücklich wieder an die hohe Brücke und von da nach Halle zurück.

Bei dem in Halle stationierten Infanterieregiment Renouard waren die subalternen Offiziere fast alle arm und deshalb größtenteils gedrückt. Der Eintritt in dieses Regiment wurde also von jedem, dessen Verhältnisse es erlaubten, gern vermieden. Demohngeachtet suchten sie sich gern geltend zu machen, besuchten die Gesellschaften, wo Studenten waren, kamen oft mit ihnen in Konflikt, daraus entstanden Duelle, in denen die Offiziere in der Regel den kürzeren zogen. Anstatt nun das Zusammenkommen mit Studenten zu vermeiden, fassten sie einen Entschluss, der sie in den Augen aller Ehrliebenden sehr herabsetzte. Sie beschlossen nämlich, bei allen Streitigkeiten mit Studenten jede Satisfaktion zu verweigern. Als dieses unter den Studenten bekannt wurde, erregte es große Sensation. Da man keinen Grund aber hatte, dagegen einzuschreiten, so beschloss man, die erste vorkommende Gelegenheit abzuwarten. Diese erschien bald.

Ein Student, der Pommeraner von Wobeser, mit dem ich einmal ein Duell gehabt hatte, mit dem ich aber demohngeachtet stets befreundet geblieben war, fühlte sich von einem Offizier beleidigt, forderte ihn und auf dessen Aeusserung, dass sie einem Studenten weder Satisfaktion geben noch von ihm fordern würden, verlangte Wobeser, dass wenn er ihm als Studenten keine Satisfaktion geben wolle, er ihn als Edelmann fordere. Auch dieses verweigerte der Offizier, und Wobeser zeigte dieses seiner Landsmannschaft an. Es wurde darauf Seniorenkonvent gehalten und darin beschlossen, dass sämtliche Halleschen Offiziere vom Hauptmann abwärts in Verruf sein sollten. Dies machte großes Aufsehen, aber die Offiziere achteten darauf nicht.

Eines Abends war Ball im Salon zu Lauchstädt, wo eine Menge Studenten, Offiziere und Beamte aus den benachbarten sächsischen Ortschaften und auch Hallesche Offiziere sich eingefunden hatten. Als der Ball beginnen sollte und die Kolonne aufgestellt war, in der sich auch Hallesche Offiziere beteiligten, traten sämtliche Studenten, nachdem sie sich bei ihren Damen entschuldigt hatten, aus der Kolonne und der Tanz war dadurch gestört. Einige sächsische Offiziere, die darüber höchst entrüstet waren, forderten deshalb von den Studenten Erklärung, und nachdem ihnen diese geworden war, äußerten sie, dass sie das Benehmen der Studenten nur billigen könnten und ebenfalls nicht tanzen würden, wo die Halleschen Offiziere teilnähmen. Dadurch waren diese von allen Tanzvergnügungen in Lauchstädt ausgeschlossen.

Ebenso ging es bei Privatbällen. Da nun die Studenten bei allen Bällen teils durch die Mehrzahl, teils als geschickte Tänzer die Seele des Vergnügens waren, so mussten die Offiziere sich stets zurückziehen. Dieses Missverhältnis dauerte lange, fast noch den ganzen Winter durch. Endlich spät im Winter ereignete sich ein Vorfall, der die Sache auf den höchsten Standpunkt brachte. Es wurde bekannt, dass die Offiziere an einem nächsten Tage eine große Schlittenfahrt nach Reideburg unternehmen wollten, zu welcher sie hauptsächlich die Offiziersdamen fahren wollten. Als der Tag erschien, waren nachmittags zwei Uhr, wo die Schlitten erwartet wurden, Hunderte von Studenten auf dem Marktplatze versammelt und hatten zwei Reihen gebildet, wo die Schlitten hindurchfahren mussten. Als die ankamen, wurden sie von den Studenten mit 'Hoy, hoy' aus Hunderten von Kehlen empfangen, je es sollen sogar, was allgemein auch von den Studenten gemissbilligt wurde, Schneebälle geworfen worden sein. Nun kamen auf einmal die Häscher und Militärpatrouillen, um die Unruhestörer zu verhaften. Dieses Schicksal traf auch mehrere, jedoch größtenteils harmlose Studenten, die mit ihren Mappen unter dem Arme eben in die Kollegien gingen. Die Untersuchung wurde zwar eröffnet, hatte aber kein Resultat, und man behauptete, die Akten seien verloren gegangen, und glaubte, dass der Sohn des Finanzministers von Angern, der an der Spitze des Exzesses gestanden hatte, nicht ohne Einfluss geblieben sei. Die älteren Offiziere wünschten nunmehr ein gutes Verhältnis wieder herzustellen, da die ganze Geselligkeit dadurch gestört wurde. Deshalb gab sich ein Hauptmann v. Drigalsky, der ein großer Liebling der Studenten war, dazu her, die Sache zu vermitteln und bewirkte auch, dass die Reibungen aufhörten. Da nun überdies die Zeiten durch die politischen Vorfälle drohend und bedenklich wurden, so vergaß man die bisherigen Unbilden und lebte auf einem ziemlich verträglichen Fuße.

Es rückte nunmehr die unglückliche Zeit an, wo der Kaiser Napoleon mit seinen siegesgewohnten Heeren die ganze Welt in Furcht setzte und die auch unser Vaterland in das tiefste Verderben stürzte. Obgleich unter den Studenten wenig politisiert wurde, so stiegen doch bei vielen derselben ernste Gedanken auf, und alles, was auf die Zeit einwirkte, wurde nicht mehr gleichgültig betrachtet.

Bereits im Jahre 1805, als russische Heere mit Oesterreich sich vereinigten, um der Allgewalt Napoleons zu widerstehen, wurde Preußen mit in den Krieg verwickelt, und der König sah sich genötigt, als die französischen Heere durch Anspach, welches damals noch eine preußische Provinz war, ohne Erlaubnis einbrachen, um die österreichischen Heere zu umgehen, sein Heer aufzubieten, um wegen dieses Gewaltschrittes sich zu rächen und mit Oesterreich und Russland sich gegen Napoleon zu vereinigen. Durch die vor Ankunft der Preußen erfolgte Schlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 (die sog. Drei-Kaiser-Schlacht) und den darauf erfolgten Frieden war Preußen isoliert und musste ebenfalls einen Frieden schließen, der durch Abtretung von Anspach und einiger anderer Provinzen, gegen Ueberlassung von Hannover, Preußen moralisch verletzte und tief herabwürdigte. Alles dieses war für Halle sowohl als für die Studenten so aufregend, dass eine allgemeine Bestürzung und Erbitterung erfolgte. Dazu kam, dass in diesem Jahre die Getreidepreise ungeheuer gestiegen waren und Armut und Mangel entstand. Schon an einigen Markttagen schrie das arme, unwissende Volk und glaubte, dass nur die Getreidehändler durch Zurückhalten ihrer Vorräte, um noch höhere Preise abzuwarten, die große Not hervorbrächten. Endlich brach die Explosion los, und eines Vormittags drangen große Massen Volks gegen einen der größten Kornmäkler, der ein großes Haus am Ulrichstor besaß, verübten ein furchtbares Geschrei und erbrachen das Haus zuerst durch die Fenster, welche sie einschlugen, erbrachen sodann die Türen und drangen in die Kornböden. Der wachthabende Offizier wollte militärische Hilfe leisten und ließ einen Tambour Wirbel schlagen, um das Militär zusammenzubringen. Einer aus dem Volk aber packte den Tambour und warf ihn mit seiner Trommel in die Gosse. Die aufgebotenen Soldaten weigerten sich, auf das Volk einzudringen, da die Masse zu großem Teil aus Soldaten, Weibern und Kindern bestand. So musste man also dem Aufruhr ruhig zusehen und das Volk toben und wüten lassen. Nun entstanden die größten Exzesse. Alle Türen, Kasten und Schränke wurden erbrochen und geplündert. Auch gegen die unglücklichen Bewohner die größten Misshandlungen verübt. Einer der bösesten Menschen war ein Kutscher, welcher bei dem Justizwachtkommissar Räpprich im Dienst war. Dieser traf die Frau des Hauses und sah, dass sie einen Ring an der Hand trug. Diesen wollte er sich aneignen und da er ihn nicht vom Finger losmachen konnte, ergriff er ein Messer und wollte der unglücklichen Frau den Finger mit dem Ringe abschneiden, wurde aber noch daran gehindert. Die Kornböden wurden erbrochen, die Getreidesäcke zerschnitten und aus den Fenstern herabgeschüttet, wo bereits unter denselben Weiber und Mädchen mit Schürzen und Röcken parat standen, um es darin aufzufangen. Dieselbe Scene ereignete sich an verschiedenen Orten der Stadt, wo Kornmäkler wohnten.

Es währte dieser Greuel den ganzen Tag und wiederholte sich den folgenden Tag, wo aber endlich militärische Hilfe kam. Man hatte einige Schwadronen von dem in Aschersleben stationierten Kürassierregiment requiriert, die den zügellosen Pöbel bald zur Ruhe und Ordnung brachten. Mit deren Hilfe trat die Polizei wieder in Wirksamkeit und arretierte, was nur erweislich an den Exzessen teilgenommen hatte, so dass bald die Gefängnisse nicht alle fassen konnten. Wir Studenten sahen diese Greuel als müßige Zuschauer an. Als jedoch ein toller Haufe sich zusammengerottet hatte, um den Polizeipräsidenten Stelzer in seinem Hause aufzusuchen, und drohte, ihn zu hängen, kam dessen zu unserer Landsmannschaft gehörender Sohn und bat uns, seinem Vater zu Hilfe zu kommen. Es fanden sich bald einige hundert . Als aber das Volk dieses sah, trat es zurück, war aber sehr unwillig und äußerte, weshalb wir uns eines so schlechten Kerls annehmen wollten, da auch wir durch seine Schlechtigkeit, indem er sich von den Mäklern bestechen lasse, mit leiden müssten. Die Untersuchung wurde nunmehr geführt, und die Entscheidung kam bald. Außer schweren Freiheitsstrafen wurden furchtbare körperliche Züchtigungen vorgenommen. Der Räpprichsche Kutscher wurde, obgleich er nicht Militär war, zu dreitägiger Spießrutenstrafe, jedesmal durch zweihundert Mann, verurteilt, die er aber nicht überstand, da er bereits am zweiten Tage zu Tode gepeitscht war.

Auch andere Soldaten mussten, jedoch geringere, Spießrutenstrafen erleiden, die sie aber leichter überstanden, da die Soldaten auf diese nicht mit solcher Vehemenz peitschten wie auf jenen Kutscher. Eine Menge Weiber, Mädchen und Jungen erhielten auf öffentlichen Märkten zwanzig, dreißig, vierzig und mehr Peitschenhiebe. Kinder, welche teilgenommen hatten, aber noch nicht konfirmiert waren, mußten von ihren Vätern in Gegenwart der Polizeibeamten mit Rutenhieben gezüchtigt werden. Die ganze Exekution war grausam und machte einen tiefen Eindruck. Bei diesem Trauerspiele kamen auch einige komische Szenen zum Vorschein.

Der Professor Geheimrat Schmalz hatte den aufrichtigsten Wunsch, den Aufruhr zu unterdrücken und schlug vor, man solle Spritzen herbeiholen und damit das Volk auseinandertreiben, wodurch er sich aber dem Gelächter preisgab. Nun kam er an uns heran und arrangierte uns, wir möchten: " Bursche heraus " rufen und Hieber und Rappiere herbeiholen. Man lief nun allerdings in den Straßen herum, schrie: " Bursche heraus " und holte sich Hieber und Rappiere, aber nicht, um damit auf das Volk loszugehen, sondern nur, um Mutwillen zu treiben. Dadurch wurde die Verwirrung in der Stadt noch größer. Kurze Zeit vor diesem Tumult hatte man den Studenten die Hieber genommen. Nun rotteten sich eine große Menge, aber zum Teil solche, die vielleicht noch nie einen Hieber in der Hand gehabt , und begaben sich zu der Wohnung des Prorektors Geheimrat Eberhardt und erhoben ein grimmiges Geschrei: " Hieber heraus ! ". Um diesen Unfug zu beendigen, begaben sich verschiedene angesehene Studenten und unter diesen war auch ich, zu dem Prorektor, erklärten ihm, dass dieses wilde, drohende Geschrei und diese Zeit von den wahren Studenten gemissbilligt würde, und fragten ihn, ob er gestatten würde, diese Leute von seinem Hause zu entfernen. Der Prorektor, besorgt, dass hieraus noch ein größerer Exzess entstehen könne, lehnte dies ab und wünschte, eine Deputation derselben zu empfangen und ihre Wünsche zu vernehmen. Auf Verlangen des Prorektors erschienen nunmehr einige derselben, waren aber, als sie uns sahen, bestürzt und verwirrt. Einer von uns, der Westfalen-Senior fragte einen der Deputation, wie er heiße, und er sagte verwirrt: " Ich heiße Herr Schraube." Nun erwiderte Conspruck: " Wenn Sie Herr Schraube heißen, so gehen Sie fort und sagen den anderen, dass sie sofort und ohne Lärmen sich fortmachen, sonst werden wir sie fortbringen." Die Gesellschaft ging nunmehr ruhig auseinander, und wir entfernten uns auch wieder. Der Prorektor entließ uns sehr freundlich und dankte uns verbindlichst.