zurück Rückerinnerungen aus meinem Universitätsleben weiter

Da meine Kinder die Aufzeichnungen aus meinem Kinder- und Jugendleben so freudig aufgenommen haben, so habe ich Mut bekommen, über mein ferneres Leben insonderheit auf der Universität dasjenige niederzuschreiben, welches mir als merkwürdig für mich und auch für die damalige Zeit erscheint.

Es war diese Zeit für mich umso wichtiger, da ich die Universität mit so manchen frohen Hoffnungen und Erwartungen und andererseits wieder mit so besorgten und angstvollen Blicken in die Zukunft betrat. Ich habe in meinem Leben so manchen Zeitpunkt erlebt, wo ich am Rande des Unglücks zu sein glaubte, wo jede Hoffnung geschwunden war, und ich glauben musste, dass ich einem traurigen Geschick nicht mehr entgehen könne. Es war jedoch auch in der trübsten Zeit und wenn meine Lage ganz verzweiflungsvoll schien, stets ein innerer Friede, der mich schützte, und ein Selbstvertrauen, welches mich nie ganz zugrundegehen ließ. Solange ich noch meine Eltern hatte, glaubte ich eine Stütze an ihnen zu finden, obgleich sie mir bei ihrer Armut tätige Hilfe nicht leisten konnten, jedoch nach ihrem Tode, als ich ganz allein in der Welt stand, erfüllte mich doch oft die Zukunft mit bangen Sorgen. Es war aber in meinem Lebensverhältnissen eigentümlich, dass ich, wenn ich am Rande des Unglücks zu stehen glaubte, stets ein unerwartetes Ereignis eintrat, welches mich wieder aufrichtete, und es hat sich bei mir Wielands Ausspruch im Oberon " Verzweifle keiner je, wenn in der bängsten Nacht der Hoffnung letzte Sterne schwinden " oft bewährt.

So habe ich mir endlich ein Familienglück gegründet, welches ich mir früher nicht konnte träumen lassen und welches mich jetzt noch bei meinem hohen Alter alle Freuden des Lebens in so hohem Grade geniessen lässt. Ich empfinde dieses mit dem dankbarsten Gemüte und mein zufriedener Sinn erhöht dieses Glück, welches mehr wert ist als großer Reichtum oder hohe Ehrenstellen.
Bereits zu Michaelis 1798 ging ich nach Halle, löste mir die Matrikel und wurde in die Reihe der Studenten aufgenommen, kehrte aber nach Halberstadt zurück, da ich die Mittel, meine Studien zu beginnen, noch nicht beisammen hatte. Endlich ein halbes Jahr später fasste ich den kühnen Entschluss, die Universität zu beziehen, obgleich ich nur kärgliche Mittel und geringe Aussichten hatte, durch Stipendien meine akademische Zukunft gesichert zu sehen. Als ich abging, besaß ich fünfzig Thaler Gold, die ich teils durch ein Geschenk des Can. Gleim von zwanzig Thalern, durch eine Unterstützung von zwanzig Thalern von dem Domkapitel zu Halberstadt und zehn Thalern durch Privatstunden auf der Domschule mir verschafft hatte. Dazu war mir der Halberstädter Freitisch verliehen und ein von dem würdigen Consistorialrat Streithorst mir ausgestelltes testimonium paupertatis gewährte mir die Hoffnung, die Kollegien frei hören zu können. Stipendien, welche ich nachgesucht hatte, waren mir versagt, und ich hatte nur die Hoffnung, noch eine kleine Unterstützung ein oder ein paar Mal zu erhalten und ein kleines, jedoch erst 1801 zahlbares Stipendium von dreißig Thalern ( nur einmal ) zu bekommen. Mit diesen geringen Mitteln betrat ich die Universität und hatte den Plan, Theologie zu studieren, nicht aber um einmal eine Pfarrstelle zu bekommen, sondern damit Philologie zu treiben und mich zu einer Lehrerstelle an einem Gymnasium zu befähigen. Das Ziel meiner damaligen Wünsche war, einmal Lehrer an der Domschule zu Halberstadt zu werden. Da damals der berühmte Wolff in Halle florierte und unter ihm ein philologisches Seminar gebildet war, so gab ich mich der Hoffnung hin, unter ihm mich zu einem tüchtigen Gymnasiallehrer auszubilden, jedoch diese Hoffnung schlug fehl. Da bei der theologischen Fakultät damals Noesselt , Knapp und Niemeyer waren, deren Ruhm in ganz Deutschland begründet war, so beschloss ich, bei jedem dieser Männer Kollegien zu hören und nahm bei Noesselt Exegese des neuen Testaments, bei Knapp Kirchengeschichte und bei Niemeyer theologische Moral an. Bei diesen Männern so wie bei dem Professor der Philosophie Maass, bei dem ich Logik annahm, erhielt ich die Kollegien frei, nicht aber bei dem Geheimen Rat Wolff, der mir das Honorar nicht erlassen wollte und mich mit Grobheit zurückwies. Ich hörte nun nur ein Publicum bei ihm über Tacitus Germania. Nun waren meine gefassten Hoffnungen vernichtet, da ich die Mittel nicht hatte, die hohen Honorare bei Wolff zu entrichten und die Stundung derselben damals noch nicht gebräuchlich war.

Ich musste mich nun vorderhand auf die Theologie, die mir nicht zusagte, beschränken. Eine Predigerstelle wollte ich nicht haben, da mir dazu die Gaben als Kanzelredner abgingen, indem ich nicht den Mut hatte, eine Kanzel zu besteigen, auch meine schwache Brust das laute Reden in einem großen Raum nicht gestattete.

Dazu kam nun, dass ich bei aller Sparsamkeit dem Ende meiner Finanzmittel in kurzer Zeit entgegensah. Dem ohngeachtet blieb ich vorläufig getrost und wohlgemut und dachte: " Kommt Zeit, kommt Rat ". Meine Kollegien hörte ich fleißig und repetierte sie pflichtmäßig. Außerdem trieb ich für mich Wissenschaften, insonderheit Geschichte und Französisch. Bald überließ ich mich auch mancherlei geselligen Zerstreuungen, besuchte meine ehemaligen Schulfreunde und nahm an deren Vergnügungen, insofern sie nicht kostspielig waren, teil. Halle war damals sehr zahlreich besucht, wie denn z.B. Knapp in seinen Vorlesungen über die Kirchengeschichte stets mehr als 300 Zuhörer hatte und doch auch andere theologische Professoren, z. B. Noesselt über Kirchengeschichte lasen.
Es waren erst wenige Jahre nach den letzten Teilungen von Polen verstrichen und daher kam es, da damals in Breslau noch keine Universität war, ebensowenig wie in Berlin, dass die Polen fast alle in Halle studierten. Es waren deren in der Regel mehr als 300 in Halle und unter ihnen Leute, die große bedeutende Wechsel hatten und sich teilweise Reitpferde und Equipagen hielten.

Kurz vor meiner Ankunft in Halle waren die Studenten in Ordensverbindungen, Unitisten, Constatisten und schwarze Brüder, diese waren aber in Verruf erklärt und es hatten sich ihnen gegenüber Landsmannschaften unter dem Namen Kränzchen gebildet. Es existierten zu meiner Zeit die Landsmannschaften der Märker, Pommeraner ( nebst Preußen ), Schlesier ( nebst Polen ), Westfälinger ( nebst Meckelnburger ), Holsteiner, Magdeburger und Halberstädter. Wir Jüngeren, welche weder in Orden oder Landsmannschaften waren, hießen Wilde, konnten aber ganz ruhig ihr Leben führen. Jede Landsmannschaft hatte ihre besonderen Abzeichen und Farben, die sie an ihren Hüten und Mützen trugen, die Märker orange, die Pommeraner himmelblau, die Schlesier schwarz und weiß, die Magdeburger grün und weiß und die Halberstädter grün und rot. Ihr ostensibler Zweck war: freundschaftliches Zusammenhalten, Erhaltung eines vernünftigen Burschenkomments und Unterstützung in Not, besonders bei Krankheiten und in Ehrensachen, welche durch Duell abgemacht werden mussten.

Sie hatten ihre regelmäßigen Fechtübungen auf dem Fechtboden, hatten eine, durch einvierteljährlichen Beitrag zusammengebrachte, gemeinschaftliche Kasse, gemeinschaftliche Hieber, welche bei Kommersen und Duellen gebraucht wurden, und wählten unter sich einen Senior, Sekretär und mehrere Vorsteher. Bei allgemeinen Angelegenheiten versammelten sich die sämtlichen Senioren zu einem Seniorenconvent, worin über Duelle, gemeinschaftliche Kommerse, Ehrensachen, Verrufe von Studenten oder Philistern Beschlüsse gefasst wurden, welche von allen Landsmannschaften befolgt werden mussten. An die Spitze der noch existierenden Orden stellte sich der nachmals so berühmt gewordene Märker Jahn, den ich damals schon als eine merkwürdige Person kennenlernte. Er stand in dem Rufe, bedeutende historische Kenntnisse zu haben und überhaupt ein Original zu sein. Er ging beständig in einem grauen Flaussrock, sonst ziemlich salopp und mit einem großen Zigenhainer bewaffnet. Von seiner Courage wurde aber nicht viel gerühmt, konnte sie auch nicht bewähren, da er mit seinen Ordensbrüdern in Verruf war. Er lebte überhaupt sehr cynisch und hatte wenig Bedürfnisse, aber auch keine Geldmittel.

Da ich von jeher meinen Umgang mit denen hatte, welche mir durch äußeres Ansehen, durch Kenntnisse oder sonst überlegen waren, so ist es natürlich, dass ich den Umgang mit meinen früheren Schulfreunden fortsetzte und mich von anderen Studenten, welche nicht in Achtung standen, zurückzog. Da hiernach mein Umgang größtenteils aus denen bestand, welche in einer akademischen Verbindung waren, so musste ich erwarten, dass auch ich aufgefordert werden würde, in die Verbindung zu treten. Obgleich ich mir fest vorgenommen hatte, dieses zu vermeiden, so konnte ich es doch nicht, da ich sonst von der Mehrzahl meiner ehemaligen Freunde mich hätte zurückziehen müssen. Dazu kam, dass ich bereits den Fechtboden besuchte und an den Rappierübungen teilnahm.
Es währte auch nicht lange, als ich von dem Senior der Halberstädter Verbindung aufgefordert wurde, mich darin aufnehmen zu lassen. Meine dagegen gemachten Einwendungen wusste er umso leichter zu beseitigen, als ich ja schon selbst nicht abgeneigt war. Die für mich daraus entstehenden Folgen waren offenbar das Bewusstsein, Teilnehmer einer ungesetzlichen, strafbaren Verbindung zu sein, welche mir die Ahndung der Strafgesetze zuziehen konnte. Vergeudung meiner geringen Geldmittel, Gelegenheit zu Zwistigkeiten und zu Duellen, besonders aber Zerstreuungen mancher Art und dadurch Zurückkommen oder wenigstens nicht gehöriges Fortschreiten in meinen Studien. Obgleich die Kosten nicht sehr bedeutend waren, welche für mich entstanden, so konnte ich doch eigentlich nichts entbehren.

Es gab aber außer den Beiträgen zur Bundeskasse, welche in einem Thaler Antrittsgeld und einem Thaler vierteljährlichen Beiträgen bestanden, noch so manche Nebenausgaben, z. B. für den Fechtboden, Erhaltung der Fechtgerätschaften, Kosten bei Kommersen, Unterstützung mancherlei Art und was noch dahin zu rechnen ist. Kommerse, die etwa alle Monat und zwar in dem eine Stunde von Halle gelegenen Reideburg gehalten wurden, und wo man nur Breihan trank, waren zwar mit wenigen Groschen zu bestreiten, jedoch ging immer ein ganzer Nachmittag verloren und oft war ich, wenn ich gleich im Trinken sehr mäßig war, am folgenden Morgen noch abgespannt und unlustig zum Arbeiten. Dazu kam noch, dass ich nicht allein viel Besuche erhielt, aber auch erwiderte und mir oft die Nachmittage verlorengingen.

In dem ersten halben Jahre und auch größtenteils später besuchte ich die Kollegien, die nur des morgens stattfanden, regelmässig, bereitete mich darauf vor und repetierte fleißig, allein die liebe Theologie war mir zuwider. Außer den Kollegien las ich Literaturzeitungen und geistreiche Bücher, die ich mir von der Universitätsbibliothek und aus Leihbibliotheken verschaffte.

Der Senior unserer Landsmannschaft war ein gewisser Kramer, ein Theologe und Sohn eines Predigers. Schon ein älterer bereits abgegangener Bruder desselben war Senior gewesen. Nach Kramers Abgang kam ein zweiter Bruder desselben nach Halle, mit dem ich bald sehr befreundet wurde. Späterhin hatte ich mit ihm mein erstes Duell, wobei nichts herauskam und welches auch unserer freundschaftlichen Verbindung keinen Eintrag tat. Er sowohl als noch ein jüngerer Bruder, der auch auf die Universität kam, gehörten mit zu den Stützen unserer Landsmannschaft. Es befand sich auch der zweite Sohn des Kriegsrats v. Heyligenstaedt, namens Louis auf der Universität und in unserer Verbindung. Wir lebten sehr vergnügt zusammen, doch fand anfangs bei mir, der ich an die vornehmen Verhältnisse seines elterlichen Hauses noch mit Resprit dachte, eine gewisse Befangenheit statt, die sich besonders äußerte, als mir Heyligenstaedt das studentenmäßige Schmollis anbot. Als ich mit ihm nach dem ersten Semester in den Ferien in dem Hause seiner Eltern, die mich wieder liebevoll aufnahmen, zusammenkam, war ich der größten Verlegenheit, mich vor den Seinen des traulichen " Du " zu bedienen, und ich war doch schon ein halbes Jahr Student.

In dem ersten Semester wohnte ich an der Ulrichskirche bei einem Pferdeverleiher Bothfeld ( Vater des jetzigen Kreisgerichtsrats Bothfeld in Erfurt ) mit einem Landsmann namens Kothe, mit dem ich von der Schule abgegangen war, zusammen. Ich trennte mich aber von ihm und zog mit einem Märker auf den Markt in das Haus eines Kaufmanns Dietlein in die Wohnung, welche bisher Heyligenstaedt, der von der Universität abgegangen war, innegehabt hatte. Nach einem halben Jahr ging auch der Märker Strickner ab und statt seiner zog ein Landsmann namens Hellmann zu mir. Dieser, der Sohn eines Schreiblehrers in Halberstadt, war sehr arm aber gutmütig.

In dem Dietleinschen Hause wohnten noch einige Halberstädter namentlich ein Mediziner Nettmann und ein Jurist Niemann. Beiden war in kurzer Zeit hintereinander Geld aus ihren Schreibpulten entwendet und niemand wusste, wer der Dieb gewesen war. Ob sie bereits Verdacht hatten, dass Hellmann sie bestohlen habe, weiß ich nicht. Nach einem halben Jahr zog ich mit Hellmann aus in das Haus einer verwitweten Salzinspektor Jungmann nach Glauche schräg dem Waisenhaus gegenüber.
Hellmann setzte zu meinem großen Verdruss seine lüderliche Lebensart fort. Er zog sich eine Krankheit zu, in welcher ihn ein Bekannter von mir, ein Mediziner Henze aus Westfalen behandelte. Nach einiger Zeit wurden diesem fünfzig Thaler aus seinem Pulte entwendet und es wurden vergebliche Bemühungen angestellt, den Dieb zu entdecken. Eines Abends, als ich schon zu Bette lag, hörte ich Hellmann mit harten Thalern klingen. Da ich nun wusste, dass er kein Geld bekommen hatte und Henze, den ich seines Verlustes wegen befragte, mir sagte, dass er den Dieb zu kennen glaubte, so überfiel mich eine förmliche Angst, dass Hellmann der Dieb sein könne. Ich war nun in der großen Verlegenheit, was ich tun sollte. Nach vielfacher Ueberlegung ging ich zu Henze und bat ihn, mir seinen Verdacht wegen des Diebstahls mitzuteilen, und er sagte, er könne mit der größten Sicherheit vermuten, dass Hellmann ihm das Geld gestohlen habe. Ich teilte ihm nun mit, dass ich denselben mit harten Thalern habe klingen hören, und er sagte mir, dass das entwendete Geld in harten Thalern bestanden habe. Ich bat ihn nun, bei den Schritten, die er nun tun wolle, mit Schonung zu verfahren, damit die Schmach denselben nicht auch für die Zukunft ganz ins Verderben stürzen möge. Soviel ich weiß, hat Henze die Sache dem Prorektor mitgeteilt und die Sache ist dahin abgemacht, dass Hellmann, ohne dass eine Untersuchung und Bestrafung eingeleitet worden, die Universität hat verlassen müssen. Als ich am folgenden Tage zu Hause kam, war Hellmann abgereist und hatte im Fenster die Worte eingeschnitten: " Vergiss mich ! ". Späterhin habe ich nie wieder etwas von ihm gehört und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Nach diesem Vorfalle und nach der Entfernung Hellmanns verließ ich nach Ablauf den halben Jahres die bisher innegehabte Wohnung und zog wieder in die Stadt in das Haus des Buchhalters Schimmelpfennig auf dem großen Schlamm. Es war dies eines der größten Häuser, worin der Buchhändler Schimmelpfennig mit seiner Familie, dessen Associ mit seiner Familie, der Prediger der reformierten Gemeinde mit seiner Familie, der Professor der Philosophie Hofbauer, der Professor juris Knoepai und in der Regel noch zwanzig Studenten wohnten.

Das Haus hatte einen sehr großen, mit Seitengebäuden umgebenen Hofraum, auf welchem die pommersche Landsmannschaft nach Schließung des Fechtbodens ihre Rapierübungen verlegt hatte, und hinter demselben einen großen Garten, zu dem jedoch den Studenten der Eintritt nicht gestattet war. In diesem Hause bezog ich eine Gaststube nebst Kammer, wofür ich nebst Aufwartung fünfzehn Thaler Miete bezahlte. Hier wohnte ich fünf Jahre, bis im Jahre 1806 die Universität aufgehoben wurde und ich mit sämtlichen Studenten Halle verlassen musste.

Als ich nach Halle 1799 kam, herrschte unter den Studenten noch viel Rohheit, Unsittlichkeit und Mangel an Fleiß, obgleich versichert wurde, dass der Ton sich seit einiger Zeit sehr gebessert habe. Merkwürdig war eine Verordnung des Königs, welche noch in der Ediktensammlung pro 1797 oder 98 zu lesen ist, wo gegen Studenten die Prügelstrafe verhängt werden konnte, jedoch ist dieses Gesetz nicht zur Ausführung gekommen.

Der König war überhaupt gegen die Universität sehr ungnädig, welches wohl seinen Grund vorzüglich darin haben mochte, dass einige grobe Excesse ( kurz vor meiner Zeit ) gewesen waren. Der damalige König von Schweden Gustav Adolf IV. kam auf einer Reise ( bei seiner Rückkehr nach Schweden ) durch Halle. Kurz vorher hatte sich die Nachricht verbreitet, dass er in Sachsen Händel mit einem sächsischen Postillion gehabt und dieser ihn mit der Peitsche gehauen habe. Da er überhaupt nicht in besonderem Renommee stand, so war er auch bei den hallischen
Studenten unbeliebt. Als er daher durch Halle kam, lagen sämtliche Studenten an den Straßen, wo er vorbeikam, in den Fenstern und empfingen ihn mit einem Hoy, Hoy, welches sich bis zu dem Galgtore ( jetzt Leipziger Tore ) fortpflanzte, bis er Halle verlassen hatte. Dieser Vorfall hatte den Unwillen unseres Königs sehr gesteigert. Es ist übrigens dieses der König von Schweden, der im Jahre 1807 von seinen Untertanen vertrieben wurde und bis zu seinem Tode in Deutschland als Obrist Gustavson wohnte und die Bäder besuchte. Sein Sohn ist jetzt General in österreichischen Diensten und dessen Tochter die bekannte Carola Wasa, welche nach Verschmähung des Kaisers Louis Napoleon den Kronprinzen von Sachsen heiraten wird.

Ein anderer Vorfall kurz vor meiner Ankunft in Halle war folgender:

Bei dem in Halle garnisonierenden von Thaddenschen Infanterie-Regiment, war ein Prinz von Braunschweig, Sohn des preußischen Feldmarschalls Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, Obrist und Kommandeur des Regiments. Der Prinz, ein junger, lebenslustiger Mann, führte ein höchst frivoles Leben, war alle Tage mit seinen Offizieren und adligen, reichen Studenten in Trinkgelagen und kam sehr häufig mit seinen Genossen im Rausche und furchtbar in den Straßen tobend, spät in der Nacht zurück. Es soll öfter vorgekommen sein, dass Studenten, unter deren Fenster dergleichen Skandal vorfiel, riefen, was das für besoffene Schweinehunde wären, und wenn man ihnen eröffnete, dass es der Prinz von Braunschweig wäre, sich den Anschein gaben, als glaubten sie es nicht und herunterriefen, das könne nicht wahr sein, denn ein Prinz könne sich nicht so gemein betragen. Dazu kam, dass er mancherlei Liebschaften hatte und es bekannt war, dass er mit einer Nichte des Professor Eberhard, einer Demoiselle Sachse, in solcher Verbindung stehe. Alle diese Verhältnisse hatten den Studenten Veranlassung gegeben, ihn öffentlich zu verhöhnen. Im Winter 1797 wurde nunmehr ein Plan ausgeführt, der einen öffentlichen Eklat verursachte.

Es wurde eine maskierte Schlittenpartie arrangiert und eine sehr große Menge Schlitten in Anwendung gebracht. In dem Hauptschlitten war der Prinz, angetan mit dem schwarzen Ueberrocke, und neben ihm die Demoiselle Sachse auf das Täuschendste dargestellt. In den folgenden Schlitten waren Adjutanten des Prinzen und andere seiner vertrautesten Offiziere dargestellt. Auch fehlte es nicht an anderen Masken von bekannten Personen. Diese Schlittenfahrt fuhr durch die kleine Ulrichstraße, in der der Prinz wohnte. Dieser, der zu Hause war, entrüstet und voll Wut, schoss mit Pistolen auf die ihn verhöhnenden Schlitten und kommandierte sofort das Militär, um die Frevler festzunehmen.
Der Gouverneur, General von Thadden, aber verbot den Zusammentritt des Regiments und überließ die Arretierung, Untersuchung und Bestrafung der bürgerlichen Obrigkeit. Dass die Schlitten nun auseinanderflogen und sich zu retten suchten, war natürlich. Was aus der Untersuchung dieses Vorfalls geworden ist, weiß ich nicht mehr. Der Prinz wurde von Halle versetzt und erhielt ein Regiment im Brandenburgischen. Der General von Thadden aber wurde mit Pension entlassen und an seiner Stelle erhielt General von Renouard das Regiment.

Dieser Prinz von Braunschweig ist der Vater der beiden jetzt noch lebenden Herzöge von Braunschweig ( des vertriebenen Karl und seines jetzt regierenden Bruders ). Da der Prinz zwei ältere Brüder überlebte, erhielt er nach dem Tode seines Vaters, des berühmten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand die Regierung. Es ist derselbe Herzog, der, im Jahre 1809, während die Franzosen den größten Teil Deutschlands innehatten und Braunschweig Teil des Königreichs Westfalen geworden war, den berühmten Zug mit seiner schwarzen, aus etwa 1500 Mann bestehenden Schar von der Elbe in Sachsen bis an die Nordsee unter wiederholten Gefechten machte und glücklich nach England kam, und der, als er im Jahre 1813 in den Besitz seines Herzogtums gekommen war, ein für die Kräfte seines Landes bedeutendes Korps gegen die Franzosen stellte, aber in der Schlacht bei Waterloo an der Spitze seiner Truppen bei Quatrebas den Heldentod fand.

Diese Vorfälle, ingleichen die Beschimpfung der geistlichen Kommissarien in dem letzten Regierungsjahre des Königs Friedrich Wilhelm II., dessen ich in meinen früheren Rückerinnerungen erwähnt habe, hatten den König gegen die Studierenden in Halle entrüstet, und er hielt sie für rohe, zügellose Menschen, die nur durch die größte Strenge zur Raison gebracht werden könnten. Es war dieses auch in Halle bekannt, und als der König und die überall verehrte und angebetete Königin Luise im Sommer meines ersten Semesters nach Halle kamen und ihnen natürlich Feste aller Art veranstaltet wurden, hatte der König keine Veranlassung, eine bessere Meinung von den Studenten zu erhalten. Hunderte von Studenten hatten sich aufgestellt, wo das Königspaar sich sehen ließ in ihrer mancherlei auffallenden und buntscheckigen Kleidung. Auffallend schienen dem Könige besonders die großen Helme mit herabflatternden Federn in den Landsmannschaftsfarben. Während der König diese Studenten in ihren auffallenden Trachten ansah, rief er einen der ihm nahestehenden Studenten heran und fragte ihn, wer er sei. Dieser, einen Helm mit großen grünen und weißen Federn tragend, der unter dem Halse mit einem Riemen festgeschnallt war, hatte Mühe, den Helm vom Kopfe zu nehmen, und als er stotternd und verlegen antwortete: " er sei Student ", soll der König gesagt haben, das sähe er an seinen groben Manieren oder, wie andere erzählten, das sähe er nicht an seinen Manieren. Dem sei wie ihm wolle, so gab der König dadurch seinen Unwillen gegen die Studenten zu erkennen. Die Königin dagegen sah sich die Studenten mit freundlichster Miene an, und man glaubte, dass sie manches besänftigende Wort für sie einlegte.

Als ich nach Halle kam, versicherte man, dass die Zeit der Rohheit vorbei sei, allein ich fand es doch noch arg genug. Schon die Kleidung war auffallend. Man trug zum Teil grobe Flausröcke nicht blos im Winter, sondern selbst im Sommer in den heißesten Tagen. Ein feinerer Teil der Studenten, die dem entgegen wirken wollten, trugen breitschößige Röcke von feinem Tuche, die übrige Kleidung ebenfalls fein und runde moderne Hüte. Der größten Mehrzahl der Studenten war diese Neuerung zuwider, sie benannten diese Röcke mit ekligen Spottnamen und ließen zur Verhöhnung dem Ausrufer Zimmermann einen solchen breitschößigen Rock machen, der damit angetan, in allen Straßen der Stadt sein Amt als Ausrufer verrichten musste. Außerdem trug die Mehrzahl große dreieckige Hüte ( Stürmer ) zum Teil mit goldenen Kordons oder sogenannten Pechkappen mit Bändern in den Landsmannschaftsfarben und große Stiefel oder sogenannte große Kanonen. In den beiden Ecken der Stürmer wurde die Tabakspfeife, der Tabaksbeutel und ein Taschentuch getragen. Wer keinen Stürmer trug, trug diese Gegenstände in den Kanonen. Dazu kam ein gewöhnlicher Ziegenhainer Stock zur Schutzwehr gegen Menschen und Hunde. Manche Studenten trugen Winter und Sommer Kalmukmäntel, oft ohne Weste und Halstuch und um den Leib mit einem Schupftuch befestigt. In diesem Aufzuge ging man überall, auch bei Lustpartien. In Kollegien behielt man Hüte und Mützen auf, wobei es freilich zur Entschuldigung gereicht, dass dieselben zum Teil so besucht waren, dass es unmöglich war, Hüte und Mützen abzulegen. Auf den Straßen sowohl als auch aus den Fenstern wurde mitunter bis spät in die Nacht gesungen. Im Winter wurde bisweilen zur allgemeinen Ergötzlichkeit ein Hallore auf die Studentenstuben gerufen, um zu dem sogenannten Murkeltopf scheußliche Lieder zu singen. Mitten auf dem Markte vor dem roten Turme waren zwei Obstbuden (sog. Gevatterbuden), wo zwei Witwen Zern ( Mutter und Tochter ) feines Obst, im Sommer Kirschen, Melonen, Aprikosen, im Winter aber Äpfel, Birnen, gebratene Äpfel und Kastanien verkauften.

Hier war der Ort, wo Studenten, welche in die Kollegien gingen oder daraus kamen, sich recreierten und wo sich immer eine Anzahl derselben befanden. Daneben war die Hauptwache, aber dies genierte nicht, und es wurde hier öfter gesungen. Außer den Restaurationen im Goldenen Löwen, in Pauli`s Kaffeehaus und im Sommer in verschiedenen Gärten, waren noch die sogenannten Kuchenprofessoren ( Konditoren ), wo man außer Kuchen vielfacher Art Liköre, Punsch, Schokolade und andere Erfrischungen bekommen konnte. Auch hier ging man ab und zu, um sich zu recreieren. Bei einem solchen Kuchenprofessor bin ich einmal gewesen, als zwei Studenten ( Ostfriesen ) nach Lauchstädt reiten wollten, ihre Pferde vor dem Hause anbanden und sich ein Gläschen Schnaps geben ließen, dann ein zweites usw. Sie tranken so sechsundneunzig Schnäpse, zwar kleine Gläser, setzten sich dann auf ihre Pferde und ritten nach Lauchstädt.

In den gewöhnlichen Studentenkneipen und des Sommers in den Gärten wurden sehr stark Karten, nicht blos Kommerschspiele, sondern auch Hazardspiele und Würfel gespielt. In den späteren Jahren meines Studentenlebens waren auf dem " Goldenen Löwen " oft in jedem Fenster eine Faro- und Schnittbank und zwischen den Fenstern und dem Billard waren noch L`hombre, Whist, Tarocktische. Auch das Billard fehlte nicht, und auch dieses wurde zu hohen Preisen gespielt. Der Hauptspielort war aber Passendorf in der Unterschenke und Lauchstädt, welche Orte damals zu Sachsen gehörten. Das Hauptspiel war aber im Sommer zu Lauchstädt, wo die Schauspielergesellschaft von Weimar in den Monaten Juli oder August spielten und eine Menge Menschen aus der Umgegend und aus Halle anzogen. Hier waren stets, obgleich es nicht geduldet wurde, größere Farobanken, welche besonders ein Domherr von Uffel aus Naumburg hielt Auch in den Privathäusern, wo die Studenten einkehrten und logierten, wurden alle möglichen Spiele gespielt. Auch das Trinken war zu einer großen Virtuosität gediehen, denn obgleich nur Trebnitzer Breihan getrunken wurde, so geschah dieses doch in dem größten Maßstabe.

Die Kommersche waren eigentlich nur Gelage, wo unter dem Absingen von Studentenliedern getrunken wurde. Sie wurden in jedem Semester von den Landsmannschaften in Reideburg gehalten. Die Vorsitzenden, deren an jedem Tische zwei waren, hatten Hieber, womit sie die dabei vorkommenden Feierlichkeiten unterstützten. Es waren in der Regel einige Hundert gegenwärtig und wurde dabei nur leichtes Weißbier getrunken. Nur in der jedesmaligen Neujahrsnacht war ein Weinkommersch auf dem Ratskeller. Da hierzu die Erlaubnis des Prorektors eingeholt werden mußte, so waren auch in der Regel mehrere Professoren Teilnehmer, weshalb es dabei fröhlich und anständig zuging. Erst spät in der Nacht, nachdem auf dem Markte dem vergangenen Jahr ein Pereat und dem neuen Jahr ein Vivat gebracht war, ging ein großer Teil der Studenten auf den Ratskeller zurück, wo dann noch bis an den Morgen ein sogenanntes Teekommersch stattfand, wo es noch sehr laut und wild zuging. Bei den Kommerschen wurden in der Regel Lieder gesungen, die an poetischem Werte nicht gering waren und auch nach schönen Melodien gesungen wurden und einen erhabenen und herrlichen Eindruck machten. Besonders erhebend war der sogenannte Landesvater und das Schlusslied, womit jeder Kommersch beendigt.

Weit rüder ging es bei den Trinkgelagen in einigen Kneipen in und um Halle zu. Hier wurden gewöhnlich gemeine Lieder gesungen. Dabei wurde höchst unmäßig getrunken. Ich bin gegenwärtig gewesen, dass ein Westfale an einem Nachmittag dreiundzwanzig Kannen Bier getrunken hat. Ein Landsmann von mir, Schmidt, Sohn des Halberstädter Dichters Cramer Schmidt, brachte es auf sechzehn Kannen. Zu meiner Ehre kann ich sagen, dass ich nie danach gestrengt habe, mich dabei ebenfalls auszuzeichnen. Ein eigentliches Saufgelage erster Sorte war die sogenannte Saufbank. Ein oder zwei Studenten legten eine Farobank auf, wo statt des Geldes mit Bier pointiert wurde. Hatte der Pointeur seinen Einsatz verloren, so mußte er soviel Gläser trinken, als er gesetzt hatte. Gewann der Pointeur, so musste der Bankier die gewonnene Zahl Gläser trinken. Diese Saufbank wurde öfter in Reideburg gehalten an Tagen, wo kein Kommersch war.

Das Singen gehörte ebenfalls zu den Vergnügungen der Studenten und nicht allein in den Straßen wurde oft bis in die Nacht gesungen. Auch sogar im Schauspielhaus zu Lauchstädt, wo doch außer den Studenten oft ein sehr vornehmes, zum Teil aus fürstlichen Personen bestehendes Publikum sich befand, wurde ehe der Vorhang aufgezogen wurde, gesungen. Zu meiner Zeit wählte man dazu zwar anständige Lieder, aber noch kurz vor meiner Zeit soll man dabei oft sehr indiskret gewesen sein. Einem alten Herkommen gemäß mußten alle Jahre Schillers Räuber gegeben werden, und die Studenten ließen es sich nicht nehmen, das " ein freies Leben führen wir " als da capo noch einmal zu singen. Dies gab einmal zu einem Exzesse Veranlassung, wobei auch ich eine Rolle spielte. Die Lauchstädter Polizei hatte angeordnet, dass das Räuberlied gar nicht gesungen werden sollte. Da uns dieses vorher bekannt wurde, so war beschlossen, dass wir es durchsetzen und es bei der betreffenden Szene doch singen wollten, und ich wurde, da ich eine durchdringende Stimme hatte, aufgefordert, dasselbe zu intonieren. Als nun die Szene kam, wo das Lied gesungen werden sollte, fing das Orchester an, das Zwischenspiel mit aller Kraft zu spielen. Es wurde um Ruhe und Silentium geschrien und ich fing das Lied an, in welches bald einige hundert Studentenkehlen einstimmten. Nach Beendigung des Stückes stellte sich am Ausgang eine Militärwache, bestehend aus einem Unteroffizier und einigen Gemeinen, auf, um die Aufrührer zu verhaften, und verfolgte uns bis an einen Gasthof, wo wir zu logieren pflegten. Der Unteroffizier wurde aufgefordert, mit uns zu gehen. Im Gastzimmer wurde Wein aufgepflanzt und dem Unteroffizier weidlich zugetrunken. Als er des Guten schon viel zu sich genommen hatte, bat er, auch seine mitgebrachten Leute zu laben. Diese wurden nun auch herbeigeholt und ihnen solange zugetrunken, bis alle in eine höchst vergnügliche Stimmung kamen. Nun wurde mit der Wache in die Straßen Lauchstädts gezogen und zum Hohn der Polizei gesungen.

Ein scherzhafter Vorfall, der sich in Lauchstädt im Schauspielhaus ereignete und durch eine Bemerkung von mir allgemeine Heiterkeit erregte, soll von mir noch angegeben werden. Es erschien unter der Weimarschen Schauspielgesellschaft eine neue Sopransängerin, namens Demoiselle Petersilie. Diese fand sich im folgenden Sommer unter dem Namen Dem. Silie wieder ein. Eines Tages während eines Zwischenaktes saß die P. Silie, die an diesem Tage nicht mit debütierte, in der Schauspielerloge und neben ihr saß ein Student namens Niemeyer, welcher ihr den Hof machte. Als ich dieses bemerkte, rief ich einigen meiner Bekannten, welche einige Bänke hinter mir saßen, ziemlich laut zu: " Seht nur die Silie hat ihren Peter wiedergefunden. " Diese Äußerung erregte großes Gelächter, und dieser Scherz begleitete die Silie auch als sie ein späteres Engagement in Leipzig fand.
Zu manchem Guten und Zweckmäßigen, welches die Landsmannschaften bewirkten, gehörte auch, dass für die Zeit der Lauchstädter Saison den Pferdeverleihern die Preise für die zu vermietenden Wagen und Pferde definitiv festgesetzt wurden, damit nicht die reichen Studenten und die reichen Schüler des Pädagogiums, denen es oft auf die Höhe des Preises nicht ankam, auf Kosten der Armen das Fuhrwerk für sich allein in Beschlag nehmen konnten. 

Kurz vor der Lauchstädter Zeit beriefen die Senioren der Landsmannschaften sämtliche sogenannten Pferdephilister und trafen ein nach den stehenden Getreidepreisen arbituiertes Regulativ über die Kosten der Reitpferde und Wagen aller Art während der Lauchstädter Zeit, welchem sich nicht bloß die Studenten, sondern auch die Pferdephilister bei Strafe des Verrufs unterwerfen mussten. Wenn man also nach Lauchstädt fahren oder reiten wollte, so ging man zu einem Pferdephilister und ließ sich einen Wagen oder ein Pferd vorführen. Da die Studenten selbst fuhren und kein Knecht mitgegeben wurde, auch in einen zweispännigen Wagen fünf und in einem einspännigen drei Personen fahren konnten, so waren die Kosten für eine Person sehr gering. In dieser Zeit der Rohheit trat ich in das Studentenleben ein und es war schwer, von dem Strudel nicht mit fortgerissen zu werden.
Es ist von jeher ein Zug meines Charakters gewesen, zwar nach Kräften überall wirksam zu sein, jedoch mich nie an die Spitze einer Gesellschaft oder eines Unternehmens zu stellen. Auch späterhin, als meine Landsleute wegen meiner Erfahrungen bei Angelegenheiten von Wichtigkeit und wegen meiner ruhigen Ansichten mir oft eine Charge in der Verbindung erteilen wollten, willigte ich nie ein und überließ eine solche Ehrenstelle anderen, die sich meiner Meinung besser dazu passten.

Auch bei den Fechtübungen brachte ich es nie zu dem Ruhme, ein guter Schläger zu sein, allein ich lernte mich decken, bewahrte meine Seelenruhe und konnte es mit Leuten aufnehmen, die mir im Fechten weit überlegen waren. Nach den ersten zwei Jahren besuchte ich den Fechtboden gar nicht mehr.

Auf der Schule hatte ich ein Tagebuch gehalten, welches ich bis zum Angange auf die Universität fortsetzte. In Halle setzte ich dieses in dem ersten Semester fort. Erst neulich habe ich dasselbe durchgelesen und mich der Rückerinnerungen aus demselben erfreut.

Meine theologischen und einige philosophische und historische Kollegien besuchte ich fleißig und beschäftigte mich nebenbei mit dem Lesen nützlicher Schriften. Abends ging ich gewöhnlich in den Kittelmannschen Garten, wo Studenten waren und andere Gesellschaft und wo gespielt wurde. Besonders war das Würfelspiel ( Knöcheln ) jedoch zu geringem Einsatz gewöhnlich. Ich spielte mit, gewann oder verlor einige Groschen, jedoch hat sich dieses in der Regel nicht über einen Thaler belaufen. Bei dem Besuch von Bekannten wurden auch kleine Kartenspiele als Piquet, Marriage, Deutsch Solo zu geringem Einsatz gespielt, wo ich bald Kleinigkeiten gewann.

Die gewöhnlichen höheren Gesellschaftsspiele Whist, L`hombre und Tarock konnte ich noch nicht. Im zweiten Semester Michaelis 1799 bis Ostern 1800, als man nicht mehr des Abends in die Gärten ging, besuchte ich Paulis Kaffeehaus neben dem Kronprinzen auf dem großen Schlamm. Hier kamen alle Abend eine große Menge Studenten von allen Landsmannschaften zusammen und es wurden hier Kartenspiele aller Art gespielt, besonders war Grobhaus, eine Art feineren Hazardspiels im Gange. Ich lernte dieses Spiel bald kennen, spielte mit und hatte darin viel Glück, so dass ich manchen Abend mehrere Thaler gewann. Dadurch faßte ich eine Neigung für das Spiel und hob dadurch meine Finanzen. Bald lernte ich auch Whistspiel und auch hierin hatte ich Glück, lernte es auch bald so gut spielen, dass ich späterhin für einen der besten Whistspieler gehalten wurde. Die größeren Hazardspiele Faro und Schnittbank lernte ich bald kennen, indem mein Stubenbursch im zweiten Semester, der Märker Striener, mich darin belehrte, und die ich sowohl mit ihm als auch an öffentlichen Orten zu kleinen Points mitspielte. Ich zog mich aber bald davon zurück, da ich mich bald überzeugte, dass darin nur zu verlieren sei, indem der Bankier zu große Vorteile darin hat.

Ich gewöhnte mich nun nach Passendorf, wo in der Unterschenke alle Nachmittage, oft bis spät in die Nacht hin alle möglichen Commersch- und Hazardspiele stattfanden. Als ich die Spiele, die ich kannte, späterhin zu höherem Einsatz spielte, verließ mich auch hier das Glück nicht. Da ich keine Aussicht hatte, ferner Stipendien zu erhalten und mir die Mittel entgingen, ferner zu substitieren, so musste ich nun hierzu meine Zuflucht nehmen, und es gelang mir, die ganze Zeit meines akademischen Aufenthalts davon zu leben. Wie es den Spielern zu gehen pflegt, dass sie bald viel, bald nichts haben, so ging es auch mir. Meine Kinder mögen mich deshalb nicht verdammen, denn ich konnte nicht anders. Bald lernte ich auch L`hombre und Tarock kennen, erwarb mir die gehörige Fertigkeit und konnte es bald zu hohem Einsatz mitspielen. Auch hierin verließ mich das Glück nicht. In der Unterschenke zu Passendorf hatten die Studenten das geräumige Billardzimmer und im Sommer noch das Gartenhaus inne. Hier wurde gespielt, und ich fand alle Tage eine Partie.

Hier spielten auch die subalternen Offiziere des Regiments, besonders in den ersten Tagen des Monats, wo sie ihren Sold bekamen. Hier hatte einmal ein Leutnant von Rabiel, der späterhin hier in Naumburg das Landwehrbataillon kommandierte, außer seinem Gelde, welches er bei sich hatte, noch auf Kredit an einen Studenten, einen Pommeraner Kluge, eine bedeutende Summe verloren, und er bat den Studenten, ihm zu gestatten, es in monatlichen Raten zu bezahlen. Dieser war damit zufrieden, obgleich er es ihm gern ganz erlassen hätte, da ihn der Offizier dauerte, jedoch nicht aus Diskretion ihm ein Geschenk damit machen konnte. Der arme Rabiel musste nun mehrere Monate von seinem geringen Traktamente diese Schuld berichtigen.

In meinem ersten Semester hatte ich besonders mit Mitgliedern unserer Verbindung Umgang und unter diesen besonders Kramer und Heyligenstaedt, welche beide Michaelis 1799 von der Universität abgingen. Sodann gehörten noch dazu:

  • von Pott aus Halberstadt, Sohn eines Titular Regierungsrats, der von seinem Vermögen als Privatmann lebte und sich mit einer Tochter des Regierungsrats Lichtwehr, der damals in Halberstadt als Dichter bekannt war und von dem unter anderem " Die seltsamen Menschen " verfasst worden, verheiratet hatte. Mein gedachter Freund war der einzige Sohn und wurde von uns gewöhnlich Magnus genannt, welchen Namen er von seinem gedachten Großvater erhalten hatte. Sein Vater tat nichts als trinken und ging des Nachts sehr häufig vor seinem auf dem Paussplan
    zu Halberstadt gelegenen Hause stundenlang spazieren. Der Sohn war nicht aus dem väterlichen Hause gekommen, außer wenn er in die Schule ging, wohin ihn aber auch sogar als Primaner eine männliche oder weibliche Bedienung begleiten mußte. Als er auf die Universität kam, ging ihm ein neues Leben auf, allein es fehlte ihm an aller Selbständigkeit und er machte in seiner Harmlosigkeit alles mit, wozu ihn seine Bekannten brachten. Er studierte Jura, machte das Auskultatorexamen allein und konnte sich nicht praktisch ausbilden, weil ihm die Energie des Geistes abging. Als er eines Tages einen kleinen Injurienprozess zu instruieren hatte und es ihm nicht gelang, die Parteien zu vergleichen, warf er unwillig die Feder hin, entfernte sich und ging von der Jurisprudenz ab. Er heiratete ein liebenswürdiges Mädchen und ergab sich nach dem Tode seiner Mutter, wie früher sein Vater, dem Nichtstun und lebt soviel ich weiß noch in Halberstadt im väterlichen Hause
  • Stilke, Predigersohn aus Thale im Halberstädtischen, ein Mensch von ungeheurer Körperlänge, mit dem ich manche Torheit begangen habe. Er ist vor einigen Jahren als Superintendent gestorben.
  • Mahlmann, Sohn eines Kriminalrats zu Halberstadt, der vor einigen Jahren hier als Präsident gestorben ist.
  • Gronau, mit dem ich auf der Schule durch alle Klassen gekommen bin. Er studierte Theologie, wurde nach seinem Abgange von der Universität durch Gleims Empfehlung Privatsekretär des Ministers von Dohm, dessen Tochter er später heiratete und dadurch Besitzer eines Ritterguts Pustleben bei Nordhausen wurde. Solange sein Schwiegervater lebte, zog ihn dieser in alle seine dienstlichen Verhältnisse mit sich fort. Als in der westfälischen Zeit Dohm Präfekt des Harzdepartments wurde, wurde zugleich sein Schwiegersohn Gronau zum Unterpräfekten zu Duderstadt im Harzdepartement ernannt. Beiden gefiel diese Stellung nicht, und nun wurde Dohm westfälischer Gesandter am sächsischen Hofe zu Dresden, Gronau aber Legastionssekretär. Als das Land wieder preußisch wurde und Dohm mit Tode abgegangen war, wurde Gronau zum Regierungs- und Schulrat in Erfurt ernannt, nahm aber bald seinen Abschied und lebte auf seinem Gute. Er ist vor kurzer Zeit verstorben, hat aber manches häusliche Unglück ertragen müssen.
  • Braune aus Cöslin in Pommern, mit dem ich im Spiele bekannt geworden war. Er heilte mich von der Leidenschaft des Hazardspiels, indem er mir auseinandersetzte, wie ich dabei nichts gewinnen könnte, da teils die Vorteile des Bankiers zu groß wären und ich auch der Gefahr ausgesetzt sei, dabei betrogen zu werden. Er wurde späterhin Polizeidirektor in Cöslin und hat mich hier in Naumburg einmal auf der Durchreise besucht. Im Jahre 1848 wurde er zu der Nationalversammlung zu Frankfurt gewählt, wo er einmal durch seinen Antrag, dem König von Preußen die Krone Deutschlands zu geben, sich allgemeine Verhöhnung zuzog. Als späterhin die Nationalversammlung die Kaiserkrone dem König antrug, hatte er die Genugtuung, dass der König diese Krone ausschlug.

Noch muss ich zweier meiner Landsleute und Mitglieder unserer Verbindung erwähnen, die mir durch ihre Schicksale merkwürdig geblieben sind.

Der eine namens Kleemann aus der Grafschaft Hohenstein war ein kräftiger und schöner junger Mann und zugleich der geschickteste Fechter unter uns. Jedermann glaubte, dass wenn er einmal ein Duell habe, er es mit jedem aufnehmen könne. Als er aber dazu kommen sollte, zog er sich zurück und ließ es über sich ergehen, dass er exkludiert wurde und in Verruf kam.

Der andere, ein gewisser Buchholz aus Horenburg, ein kleiner, unansehnlicher Mensch, der aber mit dem Maule immer voraus war und von dem man glauben musste, dass er viel Mut habe, hatte gleiches Schicksal.

Von meinem Leben im ersten Semester muss ich noch zweier Vergnügungsreisen erwähnen. Um die Mittel dazu zu gewinnen, verkaufte ich das erste Mal einen von Halberstadt mitgebrachten Rock, den ich in Halle nicht mehr anziehen konnte. Für das Kaufgeld machte ich mit mehreren meiner Bekannten eine Reise nach Leipzig, um diese Stadt und den berühmten Iffland, der daselbst Gastrollen gab, zu sehen. Leider sah ich ihn nur in einem seiner eigenen Stücke: " Die Dienstpflicht ", worin ich ihn aber doch bewundern musste. Das andere Mal verkaufte ich einige Bücher und machte eine Reise nach Wörlitz, wohin unser Königspaar von Halle aus sich begab. In dem schönen Garten waren mehrere Gondeln, worin das Königspaar und der Anhalt-Dessausche Hof nebst einer Menge Hofgefolge in zwei Kähnen mit einem trefflichen Musikchor fuhren. An beiden Ufern waren eine Menge Zuschauer und Hunderte von Studenten der beiden Universitäten Halle und des damals noch bestehenden, zu Sachsen gehörenden Wittenberg Es waren eine Menge Feierlichkeiten veranstaltet, indem gegen Abend der Garten illuminiert war und der feuerspeiende Berg Namenszüge des Königs und der Königin in die Lüfte flogen. Ein Wittenberger Professor Henrici der Botanik führte uns in dem großen Garten umher und zeigte uns dessen Merkwürdigkeiten.

Als ich nach Beendigung der Exegese und Kirchengeschichte die Dogmatik annehmen wollte, erhielt ich bei den Rappieren einen Hieb in das Gesicht, welches ich deshalb bepflastern musste. Da ich nun mit einem großen Pflaster im Gesicht nicht zum Professor Knapp gehen konnte, so unterließ ich die Annahme und dadurch kam mein ganzes theologisches Studium ins Stocken. Als nach einiger Zeit mein Gesicht wieder geheilt war, hospitierte ich einmal bei Knapp in der Dogmatik. Er dozierte gerade die Lehre von den guten und bösen Engeln und teilte diese förmlich in Klassen ein wie Raff in seiner Naturgeschichte seine Tiere. Es wurde von dem ganzen Auditorium furchtbar gelacht und so laut mit Händen und Füßen getrommelt, dass er nicht fortlesen konnte und das Auditorium verließ. Ein ander Mal hospitierte ich wieder, als er die Lehre vortrug, was Jesus in der Unterwelt vorgenommen habe. Er sagte unter anderm, dass Jesus in der Unterwelt den Manen ( abgeschiedenen Geistern ) gepredigt habe. Es wurde wieder furchtbar gelacht und getrommelt, allein er ließ sich nicht stören, sondern sagte: " Meine Herren, dieses ist meine vollkommene Überzeugung. " Das Lärmen währte hierauf solange fort, bis er sich wieder entfernen musste.

Dass hierdurch mein Widerwillen gegen das theologische Studium noch in einem hohen Grade vermehrt wurde, war natürlich, und ich beschloss nun mein bisheriges Brotstudium. Was ich aber nun statt desselben ergreifen sollte, war mir nicht klar, da ich das juristische Studium, zu welchem ich mich mehr angezogen fühlte, wegen Mangel an Geldmitteln nicht ergreifen konnte, ohne mich vollständig in das Abenteuer zu stürzen. Ich hörte nun einige Zeitlang gar keine Collegia außer einigen publica über Geschichte, trieb für mich historische Studien und suchte irgend etwas Historisches auszuarbeiten und in den Druck zu geben, allein auch dieses wollte nicht gehen, da es mir an allen Hilfsmitteln dazu fehlte.

In dieser für mich trüben Zeit starben meine beiden Eltern, mein Vater etwa sechsundsechzig Jahre alt im Jahre 1800 und einige Zeit darauf meine Mutter noch nicht sechzig Jahre alt. Mein Schwager meldete mir den Tod der Letzteren und bat mich, ihm die hinterlassenen Betten, Kleidungsstücke und geringe Mobilien für seine Kinder zu überlassen. Ich tat dieses und verlangte nur, meine in Halberstadt zurückgebliebenen Tagebücher und Skripturen zu übersenden, welches auch geschah.

Der Tod meiner Eltern insonderheit meiner Mutter erschütterte und betrübte mich sehr. Mein Vater war zwar ein durchaus redlicher und fleißiger Mann, aber von finsterem Gemüt und behandelte meine Mutter oft auf rohe Art. Meine Mutter, eine fromme und sanfte Frau, musste dieses über sich ergehen lassen und tröstete sich durch Aussichten und Hoffnungen, die ich ihr gewährte. Aber auch dieser Trost sollte ihr in den letzten Lebenstagen verleidet werden. Mein allerdings leichtsinniges Leben in Halle, welches ihr mit entstellenden Farben zugetragen wurde, bewog sie, sich einen Brief an mich schreiben zu lassen, worin sie mich mütterlich bat, mich zu ändern und nach Halberstadt zurückzukehren und an meinen Beruf zu denken. Allein in dem Strudel, worin ich mich befand, konnte ich nicht daran denken, Halle zu verlassen, denn wenn ich einen Tag nicht spielte, so fehlte mir der Unterhalt. Nicht einmal konnte ich auf den Brief meiner Mutter eine Reise zu ihr machen, da es mir an allen Mitteln fehlte, und ich musste sie in ihrem Kummer allein lassen. Die arme, treue Mutter, die ihr Herzblut für mich gegeben hätte, starb in tiefem Schmerz um ihren so heiß geliebten und so verwahrlosten Sohn. Oh wie bitter fühle ich dieses noch jetzt.

Um diese Zeit meines Unglücks erhielt ich auch einen Brief von meinem ehemaligen Lehrer Prorektor, damaligen Generalsuperintendent Nachtigall mit zwei Louisdòr, worin er mir auch von den über mich in Halberstadt umlaufenden, nachteiligen Gerüchten Mitteilung machte und mich aufforderte, mir einen anständigen Rock anzuschaffen und nach Halberstadt zurückzukehren. Aber auch dieser Brief konnte wegen meiner unglücklichen Lage nicht berücksichtigt werden. Obgleich ich mit meinem damaligen Leben und Treiben selbst unzufrieden war, so kam noch hinzu, dass man in Halberstadt alles über mich auf das höchste übertrieb und ich in den Ruf eines förmlichen Taugenichts kam.

Dies hatte zur Folge, dass man Schritte gegen mich unternehmen wollte, die meinem Leben zwar eine andere Richtung geben konnten, aber mich nur ins Verderben gestürzt hätten. Eines Tages wurde ich zu dem Polizeipräsident Stelzer in Halle bestellt, der mir ein Reskript der Militair Cantons Revision mitteilte, worin gesagt wurde, dass man sicher erfahren habe, wie ich, anstatt meinen Beruf zu erfüllen und meinen Studien obzuliegen, mich dem Spiel und andern Lastern ergeben hätte. Deshalb habe ich, wenn ich mein Leben nicht ändere, zu gewärtigen, dass mir die Befreiung vom Militär entzogen und ich als Soldat würde eingezogen werden. Das darüber aufgenommene Protokoll musste ich unterschreiben.

Tief erschüttert hierdurch dachte ich reiflich über mich nach und überlegte, was ich tun sollte, um einen anderen Lebensweg zu betreten. Zu dem Studium der Theologie zurückkehren konnte ich nicht, da ich zum Prediger keinen Beruf hatte, und der Plan, mich zum Philologen und Gymnasiallehrer auszubilden, war durch die Härte des Professors Wolff gänzlich vereitelt. Schon damals dachte ich daran, das Studium der Rechtswissenschaft zu wählen. Bevor ich jedoch das Weitere hierüber niederschreibe, will ich noch einige Vorfälle aus dieser Zeit mir ins Gedächtnis zurückrufen.

Genau weiß ich die Verhältnisse nicht mehr, wodurch die akademischen Behörden veranlasst wurden, geschärfte Maßregeln gegen die landsmannschaftlichen Verbindungen, die sogenannten Kränzchen, zu ergreifen. Sie mussten aber wohl sehr durchgreifend sein, da sich sämtliche und mithin auch unsere Halberstädter Verbindung auflösten. Es war mir ganz gelegen, dass ich auf diese Art mancher Gefahr entging. Mein Wirkungskreis war darin zwar nicht groß, aber doch durch mir geschenktes Vertrauen nicht ohne Einfluß gewesen. Nach einiger Zeit konstituierte sie sich wieder und die Halberstädter vereinigten sich mit den Magdeburgern zu einer Landsmannschaft der Niedersachsen unter dem Namen Saxonia, wobei sie auch ihre Farben in grün, rot und weiß vereinigten. Zu dieser Saxonia gehörten Halberstadt, Magdeburg, Kursachsen, Hildesheimer und Franken und die ehemaligen freien Reichsstädte Goslar, Mühlhausen und Nordhausen. Dadurch wurde diese Landsmannschaft sehr zahlreich und blühend. Ich war zu meiner großen Zufriedenheit nicht aufgefordert worden beizutreten, allein ich hatte doch meinen Hauptumgang mit den Mitgliedern derselben, da ich fast mit allen befreundet war und mich alle lieb hatten. Ich besuchte ihre Kneipen und Gärten und nahm an allen Vergnügungen teil, wozu Extranei zugelassen wurden. Späterhin wurde ich zum Beitritt aufgefordert und ich weigerte mich nicht beizutreten. Der erste Senior dieser Verbindung war ein Halberstädter namens Kamann, Sohn eines wohlhabenden Bauern im Halberstädtischen, den ich von der Schule aus kannte und der hernach auf die Waisenhausschule zu Halle kam, wo er
während seiner Schulzeit oft mich und andere Freunde besuchte. Er studierte Theologie, war brav und bieder und ein guter Schläger.

Ein merkwürdiges Ereignis in dieser Zeit war ein Zerwürfnis mit der Universität Leipzig, welches Duelle zwischen Studenten beider Universitäten zur Folge hatte. Da ich damals noch nicht in die Saxonia eingetreten war, so wurde ich auch nicht mit in die Folgen verwickelt, welches für mich ein großes Glück war. Von der Universität Halle wurden die Senioren der vier Landsmannschaften der Märker, Pommern, Westfalen und Sachsen als Duellanten gestellt. Die schlesische Landsmannschaft war nicht in den Kartell aufgenommen. Unser Senior Kamann, der Senior der Märker von Oppen, der jetzt noch als Direktor des Rheinischen Revisionshofes in Berlin oder vielmehr jetzt des Ober-Tribunals lebt, der Senior der Pommeraner, ein Theologe namens Gibson und der Senior der Westfalen namens Wüstenhof waren die Halleschen Duellanten, denen vier Leipziger entgegengestellt wurden. Das Duell war an einem Grenzort im Preussischen und lief für die Hallenser sehr unglücklich ab. Obgleich die Senioren der Sächsischen und Pommerschen Landsmannschaften ihren Leipziger Gegnern Wunden beibrachten, so erhielt von Oppum eine nicht unbedeutende Kopfwunde und Wüstenhof erhielt einen durch die Rippen bis an die Lunge reichenden Hieb, dessen Folge sein Tod war. Nun entstand eine Untersuchung, in deren Folge die Duellanten, Sekundanten und Zuschauer verhaftet und auf das Carcer gebracht wurden und zu ihrem Verwahrsam die sogenannte gelbe Stube, die sehr geräumig war, erhielten. Da die Untersuchung sehr weitläufig war, man den Interessenten aber alle mögliche Freiheit in ihrem Gefängnis gestattete, auch Besuche erlaubt waren, so war die gelbe Stube bald ein Zusammenkunftsort für alle Freunde derselben.

Es war hier ein Leben wie in einem gewöhnlichen Vergnügungsorte, wo Gesellschafts- und Kartenspiele, Konversation, Singen und Lärmen zu Haus war. Die Leiden und Freuden des Carcerlebens dauerten glaube ich länger als ein Jahr. Ich spielte daselbst sehr häufig l`hombre und zwar in der Regel mit Oppen, der dieses geistreiche Spiel meisterhaft verstand und von dem ich mir die Feinheiten desselben zueignete.

Zu den Vergnügungen ohne Kartenspiel trug besonders ein Halberstädter Reinhardt bei, der bereits vor mehreren Jahren hier in Halle Theologie studiert hatte, als alter Kandidat aber noch umsattelte, um Medizin zu studieren. Er war eine heitere Seele bei aller Not, die ihn häufig drückte, stets froh und aufgeräumt; jeder hatte ihn lieb, und er gab die drolligsten Gesellschaftsspiele an, woran alle teilnahmen und wodurch die Zeit auf das angenehmste vertrieben wurde. Er hatte sich an das Leben im Carcer so gewöhnt, dass er sogar nach Leerung desselben mit dem Gefangenenwärter darin freiwillig wohnen blieb und den letzten Teil des Sommers bis Michaelis darin zubrachte. Das in der Untersuchungssache abgefasste Straferkenntnis war sehr strenge, denn es verurteilte jeden der drei Duellanten zu zwölf Jahren Festungshaft. Gegen die Sekundanten und Zeugen waren geringere Strafen erkannt. Die Angeklagten wendeten dagegen ein Rechtsmittel ein, und in zweiter Instanz wurde die Festungsstrafe auf drei Jahre herabgesetzt. Der König, dem dieses Urteil vorgelegt wurde, bestimmte dabei in seiner Milde, dass die Festungsstrafe in Magdeburg verbüßt werden solle, dabei wurde das Konsistorium angewiesen, den beiden Theologen alle Mittel zu gewähren, um ihre Studien fortzusetzen, und ebenso sollte das Landes-Justitskollegium dem von Oppen Gelegenheit geben, sich noch praktisch und theoretisch auszubilden. Nach Ablauf eines Jahres sollten alle drei sich einer Prüfung unterwerfen und dann wolle der König seine fernere Entschließung mitteilen. Das Resultat war nunmehr, dass alle drei nach Ablauf des Jahres in Freiheit gesetzt wurden.

An mehrere meiner Verbindung denke ich noch mit inniger Teilnahme zurück und kann nicht umhin, mehrere derselben wieder in mein Gedächtnis zurückzurufen.

  1. Franke, ein Magdeburger, der eine Zeitlang Senior der Verbindung war, wurde schon als Student allgemein geachtet und gab jetzt schon durch seinen scharfen Verstand, seinen richtigen Takt und sein heiteres und doch anständiges Betragen zu erkennen, dass er auch späterhin in Staatsverhältnissen sich auszeichnen würde. Dieses war auch der Fall, denn bald nach seinem Abgang von der Universität wurde er nach der Errichtung des Königreichs Westfalen Unterpräfekt in Halle und nach einiger Zeit Generalsekretär bei der Präfektur zu Magdeburg. Es war dieses deshalb eine schwierige Stellung, da zu der Zeit in Magdeburg eine französische Besatzung von 12 000 Mann vertragsmäßig von dem Königreich Westfalen unterhalten werden musste und der Präfekt ein Franzose war, der nicht unter dem Königreich Westfalen, sondern unmittelbar unter dem Kaiser Napoleon stand. In dieser so schwierigen Stellung wusste sich Franke so umsichtig und wo es sein konnte so determiniert zu benehmen, das es ihm gelang, manche Unannehmlichkeit von der Stadt abzuwenden. Vorteilhaft für ihn war es dabei, dass der Präfekt zwar ein Franzose, aber doch so human war, auch Franke mitunter gegen anmaßende französische Generäle kräftig unterstützte. Als Magdeburg wieder an Preußen kam und die Städteordnung eingeführt wurde, wählte ihn die Stadt zu ihrem Oberbürgermeister mit 3000 Thalern Gehalt. Hiermit wurde auch die Landratsstelle verbunden, und der König ernannte ihn zum Geheimen Regierungsrat. Vor einigen Jahren legte Franke seine Stelle nieder und ist vor etwa Jahresfrist gestorben. Er war mir stets ein lieber Freund und ehrte mich noch dadurch, dass ich im Jahre 1814, als er in Halberstadt wohnte, bei seinem ersten Kinde eine Patenstelle übernahm.
  2. Türk aus Halle, Sohn des Musikdirektors und Organisten der Marktkirche, studierte die Rechte, war sehr aufgeweckt und witzig. Bei einem Duelle mit einem Märker namens Lange hieb er seinem Gegner ein Ohr ab, wobei dieser noch den Witz machte: mir ist es wie Malchus ergangen, nur diesem ein Jude und mir ein Türke das Ohr abgehauen hat. Er wurde im Jahre 1813 Polizeidirektor zu Halle, dann Landrat zu Erfurt, wo er, soviel ich weiß, als Pensionierter noch lebt. ( gestorben im Mai 1853).
  3. von Krosigk aus Pochlitz an der Saale, ein Aristokrat vom reinsten Wasser, aber im Umgang sehr angenehm. Er und Türk waren in ganz Halle als Anstifter aller losen Streiche bekannt. Nachdem er zwei Jahre in Halle studiert hatte, ging er noch nach Leipzig, weil er noch ein Rittergut in Sachsen zu erwarten hatte und zugleich Domherr in Merseburg wurde. Er machte, nachdem das Herzogtum Sachsen mit Preußen vereinigt wurde, seine Karriere bei der Regierung zu Merseburg. Er lebt noch in Merseburg als Regierungspräsident a.D. und Domprobst des Domkapitels daselbst. Sein Bruder lebt hier in Naumburg als Domdechant des hiesigen Domkapitels und Geheimer Regierungsrat a.D.
  4. von Madeweis aus Halle, Sohn des Postdirektors Kriegsrat von Madeweis daselbst, in unserem Zirkel gewöhnlich der Junker genannt, hat die Militärcarriere eingeschlagen und war nach meiner letzten Nachricht Obrist eines Infanterieregiments zu Königsberg in Preußen.
  5. Westphal aus Halle, Sohn eines Konsistorialrats daselbst, höchst talentvoll und gemütlich, ging, nachdem Halle mit dem Königreich Westfalen vereinigt worden, von der Theologie zur Verwaltung über, erhielt, als Preußen wieder hergestellt worden, eine höhere Stelle bei der Regierung zu Trier, lebt aber wahrscheinlich nicht mehr.
  6. Förster aus Magdeburg, eine leichte Fliege, stets ohne Geld dabei ununterbrochen heiter und ohne Sorgen. Es kam einmal der Fall vor, dass er und drei Landsleute alle ihre Sachen auf das Leihhaus geschickt und nur gemeinschaftlich einen Rock hatten, so dass, wenn einer ausging, die anderen zu Haus bleiben mußten. Eines Abends, als ich schon in Halberstadt und verheiratet war, erhielt ich einen Brief von ihm mit einem Brillantringe mit der Bitte, ihm unter Verpfändung desselben 50 Thaler Gold zu verschaffen., da er in Alexisbad alles verspielt habe und davon seine Rückreise bestreiten wolle. Da es schon spät zu Abend war, ließ ich den Boten bis zum anderen Morgen warten und verschaffte mir von einem bekannten Juden die 50 Thaler, die ich ihm übersandte, jedoch denselben Tag zurückerhielt mit der Nachricht, dass er bei dem Umkramen in seinem Koffer noch einen Specietaler gefunden, damit von neuem sein Glück versucht und über 500 Thaler damit gewonnen habe. Außer einmal, wo er in einem Konzerte zu Halberstadt war, habe ich nichts wieder von ihm gehört.
  7. Baron von Hammerstein, aus dem Hildesheimschen, dessen Bruder General im Westfälischen Dienste war und mit zwei Husarenregimentern im Jahre 1813 zu den Oesterreichern überging. Ob er der jetzige Minister im Hannöverschen Dienste ist, weiß ich nicht.
  8. Steltzer aus Halle, Sohn des dortigen Polizeipräsidenten, ist späterhin als Oberregierungsrat, (soviel ich weiß ), bei der Regierung in Potsdam gewesen. Sein älterer Bruder, der hier in Naumburg Oberlandesgerichtsrat war und dessen Wohlwollen ich stets hatte, wurde Chefpräsident bei dem Oberlandesgericht zu Halberstadt, erhielt von dem jetzigen König den Adel und ist vor mehreren Jahren daselbst gestorben.
  9. Thielewein, Sohn eines Gutsbesitzers zu Atzendorf, an der Chaussee zwischen Halle und Magdeburg, studierte Theologie, wurde für malitiös gehalten, was er jedoch in unsrem Cirkel nicht war. Nach Kamanns Abgang wurde er Senior unserer Verbindung und im Jahre 1813 Landwehrleutnant.
  10. Bader aus Erfurt, mit welchem ich ein Duell hatte. Man traute ihm nicht viel Courage zu, und um sich zu zeigen, band er mit mir an, weil er glaubte, er sei mir gewachsen, da ich seit Jahren den Fechtboden nicht mehr besuchte. Er kam aber nicht gut an, da ich ihm schon den Aushieb in die Seite beibrachte. Er ist späterhin nach Erfurt zurückgegangen.
  11. Heinemann aus Erfurt, eine treue Seele, mit dem ich hier in Naumburg noch öfter bei dem Landgerichtsrat Zanke zusammengekommen bin. Er war zuletzt Justizamtmann bei dem Weimarischen Amte Visselbach, wo er als ein höchst geachteter Mann vor einigen Jahren gestorben ist.
  12. Spoenla, ebenfalls aus Erfurt, höchst leichtsinnig, aber gutmütig, wurde in Erfurt als Sekretär bei dem Land- und Stadtgerichte angestellt, geriet tief in Schulden und hat sich erschossen.
  13. Wilda aus dem Magdeburgischen, ein lockeres Leben führend.
  14. Reinstein desgleichen.
  15. von Wulfen aus Coburg, dessen Sohn hier seine Refrendariatscarriere gemacht hat.
  16. Wentzel aus dem Saalkreise, dessen Sohn jetzt noch, aber in traurigen Gesundheitsverhältnissen, lebt und mit der Tochter des Appelationsgerichtsrats Schmaling verheiratet ist.
  17. von Vangerow, Sohn des Chefpräsidenten bei dem Oberlandesgericht zu Magdeburg, höchst achtungswert, ging in der Westfälischen Zeit nach Cassel, wo er als Staatsratsauditeur eine Tochter des damals einflußreichen Staatsrats von Coninx heiratete und durch diesen Mitglied des Appellationsgerichts in Cassel wurde. Nach Auflösung des Königsreichs Westfalen wurde er Oberlandesgerichtsrat zu Halberstadt und späterhin Präsident bei dem Oberlandesgericht Marienwerder, wo er gestorben ist.
  18. Koch aus Wettin im Saalkreis war eine zeitlang Senior unserer Verbindung und war späterhin Justizrat bei dem Land- und Stadtgericht zu Magdeburg.
  19. Schlüter aus Goslar war in der letzten Zeit der Existenz der Universität Halle Senior unserer Verbindung und sekundierte mir bei dem Duell mit B.
  20. Eckler aus Eisleben, mit dem ich auch ein Duell hatte. Er war mir im Fechten zwar überlegen, jedoch seiner Hitze setzte ich Ruhe entgegen und verwundete ihn an den Fingern. Das Duell war am 14. Oktober 1806, am Tage der Schlacht von Jena. Er wurde Landwehroffizier und in bürgerlichen Verhältnissen Sekretär bei dem Land- und Stadtgericht zu Eisleben.
  21. Brandt aus dem Magdeburgischen, wurde von uns der Herbergsvater genannt, weil wir in seiner Wohnung alle so häufig zusammen kamen, dass wir sie als eine Herberge betrachteten.
  22. Nettmann aus Schwanebeck bei Halbertstadt studierte Medizin und wohnte eine Zeitlang mit mir in einem Hause.
  23. Tegtmeier und
  24. Heine, beide aus Halberstadt, wo sie noch jetzt als Rechtsanwälte und Justizräte bei dem Kreisgericht daselbst fungieren.

    Da auch, nachdem Ansbach und Bayreuth preußisch geworden waren, die Franken sich der Sächsischen Landsmannschaft angeschlossen hatten, so waren auch unter ihnen viele, mit denen ich lieben Umgang hatte. Einer der Liebsten unter ihnen war mir v. Völderndorf, der einmal im Duell einem Märker von Germar die Nase so verwundete, dass sie nur mit Mühe zusammengeflickt und angeheilt werden konnte.
  25. Koch aus Quedlinburg, ein mir stets sehr lieber Freund, der späterhin in Halberstadt als Justizkommissar und Notar gestorben ist.
  26. Doeleorse, dessen Andenken ich noch immer ehre. Er war aus Harsleben bei Halbertstadt, studierte Philologie, heiratete eine Cousine meiner Frau, Wilhelmine Küster und ist als Gymnasialdirektor in Schleusingen gestoben. Seine Familie ist mit der unseren stets befreundet geblieben und meine Kinder werden sie gewiss nicht vergessen.
  27. Quidde aus dem Hildesheimschen, studierte Jura, war ein höchst liebenswürdiger Mensch, hatte aber als Student schon einen unbegrenzten Leichtsinn und eine Spielwut, die ihn in späteren Jahren als er schon lange glücklicher Gatte und Familienvater war, ins Verderben stürzte. Er war Mitglied unserer Verbindung, wurde aber excludiert, weil er an öffentlichen Orten Hazardspiele gespielt hatte, welches nicht zu tun wir uns durch Ehrenwort verpflichtet hatten. Er wurde Justizkommissar bei dem Land- und Stadtgericht zu Halberstadt und heiratete die Tochter des Kriminaldirektors Jaeger, eine liebe Freundin meiner Frau und hatte eine blühende Praxis. Nach dem Tode seines Schwiegervaters überließ er sich immer mehr dem Spiele, verlor bedeutende Summen an der Bank zu Cöthen, griff fremde Gelder an, geriet in Verzweiflung, machte sogar einen Vergiftungsversuch und entging der Untersuchung und schimpflicher Strafe nur durch den Tod. Nach diesem wurde sein ganzer Nachlass und das Vermögen der Frau von den Gerichten in Beschlag genommen. Wir konnten durch ihn auch ins Unglück kommen, da wir ihm nach dem Tode meines Schwiegervaters die
    Nachlassregulierung und Generalvollmacht übertragen hatten. Glücklicherweise erhielten wir unsere Erbschaft noch von ihm ausgezahlt.

Auch mit anderen, welche nicht zu unserer Verbindung gehörten, hatte ich Umgang. Dahin gehörten:

  1. Panse und Benekenstein, mit dem ich späterhin in Halberstadt und vom Jahre 1816 hier in Naumburg Freundschaft gepflogen habe. Er ist vor einem Jahre hier als Kanzleidirektor und Justizrat mit dem Tode abgegangen. Er war die Veranlassung, dass ich mich von Halberstadt hierher als Oberlandesgerichts-Sekretär habe versetzen lassen.
  2. Kruse aus Wegeleben lebt jetzt noch in Halberstadt als pensionierter Kanzleidirektor und Justizrat.
  3. Guichard, ein ganz verkrüppelter Mensch, hinten und vorn ausgewachsen, aber höchst gemütlich, gesellig und von gediegenen Kenntnissen. Er war zuletzt Justizrat bei dem Land- und Stadtgericht zu Aschersleben, heiratete trotz seiner Missgestalt ein hübsches Mädchen, wurde Vater vieler Kinder, ist aber schon lange gestorben.

Da ich täglich überall in Studentengesellschaften, besonders wo gespielt wurde, war, so kann ich sagen, dass ich zu denen gehörte, die allgemein bekannt waren, und es ist unter denen, die mit mir studiert haben, gewiss niemand, der sich nicht in späteren Jahren meiner erinnert hätte. Ich hieß überall: der alte Holtze.

In der Regel war ich nicht ohne Geld, und ob ich gleich alle Verschwendung vermied, so konnte ich doch alles mitmachen. Mein Glück im Spiel war zwar nicht unmäßig, jedoch gewann ich regelmäßig meinen Bedarf und hatte immer noch kleine Summen übrig. Ich kaufte mir eine silberne Uhr für 10 Thaler, die ich jetzt noch besitze und die nur höchst selten einer Reparatur bedurft hat. Oft habe ich sie für mich oder auch für gute Freunde auf das Leihhaus geschickt, wo ich jedes Mal 6 Thaler darauf geliehen erhalten habe. Als ich nach drei Jahren den Halberstädter Freitisch nicht mehr hatte und mich auch nicht wieder um denselben bewarb, machte ich mit noch sechs anderen Bekannten einen Mittagstisch in Passendorf aus, wo wir gute Hausmannskost erhielten und sodann den Nachmittag bis Abend, oft noch länger zubrachten. Obgleich Passendorf weiter als eine halbe Stunde von Halle entfernt ist, so gingen wir doch alle Tage im Sommer und Winter, selbst in dem schlechtesten Wetter dahin. Meine Bekannten neckten mich oft und behaupteten, dass meine Stiefel mich selbst wider meinen Willen dahin trieben. Als nach 1 1/2 Jahren dieser Tisch aufhörte, aß ich mittags und oft abends auf dem Goldenen Löwen, wo mich der Wirt Tramm sehr liebgewann. Da niemand wusste, woher ich meine Subsistenzmittel erhielt, hatte sich einmal eine Vermutung herausgestellt, dass in England große Summen preußischer Groschen geprägt wurden und ich zu denen gehörte, die gegen bedeutenden Gewinn diese mit in Umlauf setzten. Mein Glück im Spiele fiel nicht auf, da es bei den Studenten gewöhnlich war zu spielen.

So hatte ich eines Tages in Passendorf meine geringe Barschaft verloren und sah nun, da ich nichts mehr hatte, dem Spiele zu. Es hatte ein Spieler einen leichten Dukaten zur Schnittbank aufgelegt und den geringsten Points zu 8 gg festgesetzt. Dagegen wurde pointiert und die Bank hatte unerhörtes Glück, so dass sich bald ein Berg Geldes von allerlei Münzsorten vor dem Banquier häufte. Da sah ich an der Erde einen preußischen Sechser liegen, den ich aufhob und mit auf eine fremde Karte setzte. Ich gewann, ließ den Groschen stehen, gewann wieder und hatte bald 8 gg, womit ich nun eine eigene Karte besetzte. Diese gewann wieder, ich ließ stehen und setzte immer das gewonnene Geld auf eine Karte, so dass mir ein schlechter Dukaten ausgezahlt wurde. Diesen setzte ich wieder, gewann fort, und bald gehörte mir ein großer Teil der Bank. Als aufgehört wurde, hatte ich über 40 Thaler gewonnen und war nun wieder ein reicher Krösus.

Ein anderes Mal ging ich mit zwei Landsleuten, welche mit mir in einem Hause wohnten, nach Passendorf. Keiner von uns hatte Geld, und wir mußten daher auf Borg kneipen. Als wir so zusammen saßen, fand Oppermann in seiner Tasche einen Sechser und war schon willens, ihn zum Fenster hinauszuwerfen, damit unter uns völlige Gleichheit herrsche. Ich beredete ihn aber mit mir darum zu spielen. Damit ging ich an den Spieltisch, wo gewürfelt wurde. Ich setzte ihn, gewann, und als ich einige Groschen hatte, machte ich selbst einen Aussatz, und ich gewann einige Thaler. Da nicht mehr gewürfelt, sondern statt dessen Faro gespielt wurde, so engagierte ich mich auch dabei, und als das Spiel vorbei war, hatte ich zehn Thaler gewonnen.

Einmal zu einer Zeit, als wenig Geld unter den Studenten war, verabredete ich mich mit zwei Bekannten, einem Hallenser Rosenfeld und einem Magdeburger von Britzen, dass wir jeder einen Thaler hergeben und damit Bank legen, auch erst nach einigen Wochen teilen wollten. Allein der letzte Punkt wurde nicht gehalten, wir teilten nach wenigen Tagen und hatten zusammen 55 Thaler.
Es kam jedoch selten, dass ich Hazardspiele trieb, gewöhnlich spielte ich Whist, l`hombre und Tarock. In den letzten Jahren meines Aufenthalts in Halle spielte ich wenig in Studentengesellschaften, ging zwar täglich nach Passendorf, begab mich aber immer in die sogenannte Philisterstube, die oben in der Passendorfer Unterschenke war und wo täglich Zivilisten, Professoren, Aerzte, Oekonomen, Kaufleute und Beamte und auch Militärs, besonders Stabsoffiziere waren, die spielten und wo ich bald ganz heimisch wurde. Nur des Abends war ich im Gasthaus " Zum Goldenen Löwen ", wo ich auch, aber nur an sogenannten Commersch-Spielen teilnahm.